
Voller Freude nehme ich zur Kenntnis, dass mir die Möglichkeit gegeben wurde, nicht nur in literarisch abstrahierter Form (lyrische Ergüsse und verkannte Meisterwerke auf
bourgeoisie.jayniz.de (ehem. www.bourgeoisie.de) die noch nicht recht interessierte Fachwelt an meinen Gedanken und Erlebnissen (vor biographischen oder psychoanalytischen Interpretationen sei gewarnt) teilhaben zu lassen, sondern auch in Form unterschiedlichster (ich nenne sie der Vorsicht halber) Gebrauchstexte, über deren literarischen Wert sicherlich gestritten werden könnte - ich weiß, zur Zeit will darüber niemand mit mir streiten. Gebrauchte Texte nenne ich sie (s.o.) vor allem deshalb, weil sie von mir in meinem Leben schon in irgendeiner Form gebraucht wurden. Hierbei handelt es sich also um eine - wenngleich selbstverständlich äußerst aktuelle - Zweitverwertung, die aber ihre Existenzberechtigung schon daraus zu beziehen scheint, dass besagte Erstverwertung zumeist unter Ausschluss weitester Teile der Öffentlichkeit, teilweise gar unter Ausschluss meines eigenen Bewusstseins stattgefunden hat.
Doch nun in medias res.
Heute erreicht mich während meiner langwierigen und zuweilen ausgesprochen zähen Vorbereitung auf bevorstehende Prüfungen an Berlins bestem germanistischen Institut eine Nachricht von subjektiv empfundener, entsetzlicher Aktualität. Schließlich befinde ich mich soeben in der Auseinandersetzung mit dem Konzept des mittelalterlichen Minnedienstes, bzw. dem davon differierenden Konzept des hochmittelalterlichen deutschen Tageliedes, also sozusagen in verwissenschaftlichster Beschäftigung mit dem uns alle so fesselnden Thema Liebe. Mitten in meinen gerade mühsam errichteten und noch sehr labilen Elfenbeinturm schlägt also ein satellitengesteuerter (die Mär von der sauberen Wissenschaft) Flugkörper mit fatalem Inhalt ein:
Von: <Sebastian.SXXXXXXX@großer deutscher pharmakonzern mit sitz in berlin.DE>
An: <picknicker.cg@gmx.de>
Gesendet: Donnerstag, 3. April 2003 15:08
Betreff: One happy monkey
> das find ich verdammt witzig. jetzt sag bloß nicht auch noch, dass du
keine
> jpgs anschauen kannst!?
>
> viele grüße, Sebastian
Angehängt findet sich obenstehendes Bildchen, das mir nur folgende Reaktion ermöglichte:
Das ist ja widerwärtig.
Dazu passt aber, dass Hardy mir heute einen kleinen Tatsachenbericht aus dem Berliner Zoo, der seinen adoleszenten Besuchern immerhin elf Euro Eintrittsgeld (pro Person, aber dafür inklusive Aquarium - die elektrischen Aale waren schon immer meine Favoriten) abknöpft, lieferte. Dort traf er nicht nur auf blaue Vogelspinnen, wobei mir sofort eine kleines Drama in den Sinn kam, das sich gestern während einer weiträumigen Evakuierung in Osnabrück abspielte: Aufgrund des Fundes von fünf amerikanischen Fliegerbomben aus dem zweiten Weltkrieg mussten viele Bewohner ihre Wohnungen und Häuser räumen und wurden vorüübergehnend in einer Turnhalle untergebracht. Dort kreuzten dann nicht nur ältere Damen mit ihren Pudeln und Chow-Chows auf ("Die Tiere haben den gleichen Anspruch auf Schutz wie die Menschen" - natürlich), sondern auch ein Anwohner mit seiner Vogelspinne (ohne Zitat), der bedauerlicherweise von einem Mitarbeiter des Gesundheitsamtes wieder der Turnhalle verwiesen wurde - oh Osnabrück, du weltoffene Metropole des Nordens. Bei der Entschärfung der Bomben soll alles glatt gelaufen sein, so dass auch die vielen größeren und kleineren nicht evakuierten Tiere weiterhin putzmunter ihren tristen Lebensalltag in der Stadt eines großen Autoteppich- und Cabriodachfabrikanten fristen können. Jedenfalls erzählte Hardy mir begeistert von einem mächtigen Gorilla, der sich vor H. und seiner Freundin Augen einen runtergeholt habe. Hardy leugnete natürlich jede Verantwortung für diesen schrecklichen Vorfall und schob sogleich alles auf den sicherlich provokanten Farbkontrast, der bei der Betrachtung von Hardys hellblauer Jacke und dem knallorangenen Overall seiner Freundin entstanden sein müsse. Ich stellte in der Folge sehr viel weitreichendere Vermutungen über die tatsächlichen Ursachen und Begebenheiten auf, die in der empirischen Annahme mündeten, dass Menschenaffen doch immer wieder eine erschreckende Ähnlichkeit zu uns Menschen aufwiesen. Auch wenn G.W.F. Hegel Darwins Evolutionstheorie ablehnte, bekannte er schon zu Beginn seiner im Wintersemester 1819/20 gehaltenen Berliner Vorlesung über Naturphilosophie gegenüber seinen staunenden Studenten: "Die Natur ist dem Menschen als Problem gegeben."
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