
Fast überrascht es mich ein wenig, dass ich trotz der dumpfen Benommenheit und der brüllenden Schmerzen, die sich allmählich in meinem Schädel ausbreiten, noch in der Lage war, das Passwort fürs Admintool dieser Seite zu erraten. Wahrscheinlich habe ich mir alles selbst zuzuschreiben,
und es ist nicht nur übermütig und blauäugig sondern schlichtweg fahrlässig und arrogant, in seiner grenzenlosen Naivität und realitätsverdrängenden Ignoranz zu glauben, man könnte sich dieser Tage noch ungestraft auf offener Straße durch Berlin-Mitte (im ehemaligen Ostteil der Stadt) bewegen. Darüber hinaus gut gelaunt und ohne böse Ahnungen und zu nachtschlafender Uhrzeit. Auf dem Alexanderplatz wimmelt es sonst von Polizei, die damit beschäftigt ist, die Drogendealer von ihrem einträglichen Geschäft abzuhalten. Heute Abend war weit und breit niemand zu sehen, der einen der drei Neonazis davon abgehalten hätte, mich mit einem unerwarteten Faustschlag ins Gesicht beinahe auszuknocken. Mein Instinkt hat offenbar schamlos versagt, ich sah weder die Gefahr noch seinen rechten Haken nahen - dafür sah ich danach im Zurücksinken viele helle Sterne und die Welt war für einen kurzen Augenblick in einem milden, beruhigenden Schwindel begriffen. Wenigstens musste ich den so den Fußtritt, der mich am linken Knie traf, nicht mehr spüren. Jetzt allerdings merke ich ihn dafür umso mehr, ich kann die Beine nicht mehr überschlagen, was ich eigentlich immer mache, wenn ich hier sitze, um zu schreiben. Ich hoffe nur, dass mir der Lucky Punch gegen meinen Denkapparat nicht mein gerade mühevoll in den Kopf hereingehämmertes linguistisches und philologisches Wissen für die drei mündlichen Prüfungen, die mir übermorgen - am Montag - bevorstehen, herausgehämmert hat. Aber mit der Seelenruhe, die sich in mir breitmacht, sollte das alles zu schaffen sein. Schließlich weiß ich jetzt, dass es diesen perspektivlosen und in jeder Hinsicht - vor allem an Haupthaar - armen Menschen, die glücklicherweise besonders in ländlichen Gegenden und eben Ostberlin nicht gerade selten sind, nicht mal eines Anlasses bedarf, um in einer Freitagnacht wahllos und hinterrücks und voll ungehemmter Wonne auf andere Menschen - zugegeben mit vollerer Haarpracht - einzuschlagen.

Und schließlich bin ich mir jetzt auch relativ sicher, dass ich mich keiner weiteren Illusion mehr hingeben kann, man könne bei diesen bemitleidendswerten Opfern einer Gesellschaft noch irgendetwas retten. Nein, Prävention wäre gut, wurde aber versäumt, vierzig Jahre lassen sich nicht so mühelos wie Moral, Ethik, Gewissen oder Denkfähigkeit ausradieren. Das Verständnis für all das ist mir - so fürchte ich - soeben auch abhanden gekommen, als ich versuchte mich bei einem Mineralwasser in Berlins ärmsten Bezirk (im Westteil der Stadt), dem seit vielen vielen Jahren von mir hochgeschätzten Kreuzberg mit der höchsten Arbeitslosen- und Sozialhilfequote der Stadt und dem mit Abstand niedrigstem Durchschnittseinkommen, in dem - so fürchte ich weiterhin - mir Vergleichbares nie geschehen kann und wird, von meinen Blessuren zu erholen. Ein schwacher Trost - abgesehen von diesen wirklich lieben
Worten - bleibt trotz allem - es war nicht der erste schicksalhafte Niederschlag binnen der letzten drei Tage. Eigentlich hätte man den heutigen Vorfall als krönenden Abschluss einer wenig nachahmenswerten Serie von abstrusen Ereignissen ahnen müssen, nachdem sich von mir unbeeinflusst schon zweimal zuvor innerhalb der vergangenen 72 Stunden das Schicksal auf unübertroffene Weise gegen mich verschworen zu haben schien. Ich werde morgen Lotto spielen müssen, falls ich rechtzeitig von meinem bösen Traum erwache und leise mit dem Kofferpacken beginnen; ist es da Zufall, dass gerade heute ein neues Gedicht von Boris Fuchs auf
bourgeoisie.jayniz.de erscheint, dass mir fatal aus der Seele zu sprechen droht...
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