Drei Tage freie Räume, wie von Jannis geschildert, sollte ja auch immer einen irgendwie entsprechend gearteten freien Geistesraum implizieren. Eine begeisterte, stark geschminkte und unendlich stolze Mutter mit dunklem, streng zurückgelegtem Haar filmt für eine Ewigkeit, für eine wahre Ewigkeit, denn sie läuft wirklich immer wieder durch den kühlen Raum im Keller der ehemaligen Brauerei von einem Ende zum anderen und filmt und filmt mit ihrer Digitalkamera, die sogenannten Kunstwerke ihres Sohnes, dem bei Weitem jüngsten Künstler, der an diesen Tagen ausstellte. Mit Mühe erkenne ich eine doch beachtliche Entwicklung in seinen Werken der letzten Jahre, in denen er sich offensichtlich vom Writer und Sprayer zum deutlich tiefsinnigeren und ernsthafteren Poeten und Maler gewandelt zu haben scheint. Nun mit einiger zeitlichen Distanz (ungefähr einige Tage) weiß ich auch endlich, an wen mich der Technische Leiter ("- Pause - Ich, ich bin hier nämlich der Technische Leiter") erinnert. Ich denke an die Tage in Göttingen (vor ungefähr einigen Jahren), als ich mit meinem ehemaligen Kollegen Wolfram bei Let It Rock II akkreditiert war und mich im durchaus interessanten Umfeld der damals noch sehr populären deutschen Popliteratur und ihrer damals noch ebenso populären Protagonisten aalte, um mich selber ein Jota bedeutender zu fühlen. Nach der Theateraufführung von Bessings Tristesse Royale am ersten Abend trafen wir während der sogenannten After Show Party auf einen Kulturjournalisten der Süddeutschen Zeitung. Er bezichtigte uns, im Laufe des Stücks mehrfach und für das gesamte Publikum deutlich vernehmbar degoutant aufgelacht zu haben. Auf unseren Hinweis in sein schweißnasses Gesicht, dass vielmehr er, den wir sorgfältig beobachtet hatten, es gewesen sein könnte, der während der Aufführung wiederholt durch sein deplatziertes und geschmackloses Auflachen in den unpassendsten Augenblicken aufgefallen sei, wendete er sich Wut entbrannt von uns ab und gab schnaufend zu Protokoll, diese fürchterliche und im höchsten Maße ärgerliche und niveaulose Veranstaltung zu verlassen und alsbald in die süddeutsche Wahlheimat abzureisen. Wenige Minuten später stürmten er und seine Bedeutsamkeitswolke am ahnungslosen Alexander Graf Schönburg, am Eingang stehend und über den Niedergang der Zigarrettenkultur und der Qualität der Glimmstengel referierend, vorbei aus dem Theater. Der aufgebrachte Feuilletonist ward zu unserer aller Überraschung nie wieder gesehen, weil er seine kaum Erst genommene angedrohte Ankündigung tatsächlich in die Tat umgesetzt hatte. Und genau so ein Kunstfeind und Kulturverhinderer war auch der Technische Leiter, war auch der für die Akkreditierungen zuständige und herrlich um eine desinteressierte Haltung bemühte dicklippige Kulturreferent, sicher hätte er sich selbst so bezeichnet, wenn er sich nicht gar für den Künstlerischen Leiter o.ä. hielt, am Eingang der Augsburger Drei Tage-Ausstellung. Anmerkung: In so einem geistesfeindlichen Umfeld kann Kunst nicht existieren, ist sie noch so wirkmächtig und aussagekräftig, in solch einer Atmosphäre vergeht sie wie die zarte Knospe einer Frühlingsblume im kargen aufgehitzten Sand der Sahara. Genau das werden die sogenannten und permanent um die Aura der Überarbeitung bemühten Kulturschaffenden jedoch nie begreifen, wie könnte es ihnen auch in den Sinn kommen, dass gerade ihre so hochgeschätzte Existenz, ihre selbstgefällige und arrogante Attitüde, ihre großspurige und kritiklose Überbewertung der eigenen Leistung und Bedeutung es sind, die im höchsten Maße kunstzerstörend und geisteshemmend wirken müssen. Und das alles wird immer schlimmer - anders war es kaum zu erwarten, denken nun einige, denn je weniger Raum der Kunst in der ökonomisierten und ignoranten Gesellschaft gewährt wird, desto mehr kämpfen die sogenannten Kulturschaffenden ihren sogenannten Kulturkampf, während diesem sie aufgrund ihrer beschränkten charakterlichen Eignungen unweigerlich zu immer größeren Geistesfeinden und Kunstverhinderern mutieren. Ach, ich gerate in Rage und vielleicht tue ich bei meinem launigen und pauschalisierenden Rundumschlag einigen oder vielen Unrecht - verzeiht. Erhebe ich den Anspruch, mich besser, moralischer, angemessener zu verhalten, wenn ich mit schmerzendem Rücken stundenlang mehr oder weniger gebückt durch unzählige bunte, heiße, kalte, stickige und kunstschwangere Räume wanke, nur um am Ende trotz der beachtlichen Leistung der bemerkenswerten und sicherlich maßlos unterschätzten Künstler entsetzt und ratlos festzustellen, dass ich nichts, aber auch gar nichts mehr empfinden kann angesichts dieses gewaltigen Überangebots an Kunsteindrücken? Ich weiß es in dieser Montagnacht unter dem Einfluss der Antibiotika und mit völlig verzerrtem Tag-Nacht-Rhythmus eigentlich auch nicht genau und muss mich am Hinterkopf kratzend und an Gewissheiten verarmt die Antwort schuldig bleiben.
track des anbrechenden tages: sido - Steig ein!
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