
Und alle sind erfreut - nach beinahe vierwöchiger Absenz, die beinahe jeden, den Autor eingenommen, in völlige Verwirrung, wenigstens aber den schieren Wahnsinn dunkler Herbsttage trieb. Ein wenig weihnachtliche Erleuchtung fällt nun endlich wieder auf unsere düster dahindämmernden, von der Schwere winterlicher Trübsal gepeinigten Existenzen.
Mein Tag ist bis hierhin gekennzeichnet durch das Fehlen eines jenem vergleichbaren Weckrufs, welcher heute morgen zu nachtschlafender Zeit meinen guten Freund S. aus dem Zehlendorfer Bett holte. Am Telefon des ziemlich verschlafenen Angerufenen, dessen berühmte charmante Ader bedauerlicherweise immer erst eine halbe Stunde nach dem Aufstehen zu erwachen pflegt, befand sich Annett Louisan. Ein Potsdamer Radiosender hatte die liebliche Stimme und zugehörige Nachwuchsinterpretin ins Studio gebeten und offensichtlich beschlossen, einem treuen Hörer des Senders und zugleich tiefem Bewunderer von Annetts Sangeskunst eine besondere Freude zu bereiten. Ich dagegen bin heute um fünf Uhr nachmittags aus dem Tiefschlaf erwacht, und habe folglich ein für vier Uhr in der Zentralbibliothek der Universität Augsburg verabredetes Treffen mit meiner Mitreferentin verschlafen. Jetzt, da ich wieder einigermaßen bei Sinnen mit, ist es mir allmählich unsagbar peinlich. Allerdings ist das bei Weitem nicht so peinlich wie die neue Hitauskopplung des bemitleidenswerten Max Mutzke - uns allen noch wohl bekannt aus dem diesjährigen europäischen Schlager-Grandprix. Max trällert in den reinsten Tönen seiner Muttersprache: "schwarz auf weiß nur mit dir schwarz auf weiß für ein leben mit dir geb ich alles her schwarz auf weiß duuuuuuu und ich schwarz auf weiß will die zeiten spürn denn ich liebe ich". Ich bin mir derweil nicht sicher, ob diese Aussagen alles in allem politisch korrekt sind, oder einfach nur unsagbar substanzlos. Die Musik dümpelt leicht verdaulich und angenehm jazzig vor sich hin. "Morgen wieder Nebel, Nebel, Nebel, und am nachmittags schaut vielleicht auch mal die Sonne durch, falls sie sich gegen den Nebel durchsetzen kann - und das alles bei kühlen Temperaturen." Das sind meine Aussichten für das Wochenende, so erfahre ich soeben aus demselben Radio, aus dem mich eben noch Max hauchend umfing. Ansonsten habe ich mir für Samstag und Sonntag wohl lediglich den Vorsatz gemacht, endlich einmal wieder das Tageslicht mit meinen - wie man pathetisch formulieren könnte - eigenen Augen zu erblicken. Meine Nase läuft ganz entsetzlich, über das Wochenende muss ich zudem das Referat vorbereiten, das meine Referatsgruppe am nächsten Mittwoch unter meiner geschätzten Mitwirkung (sollte mich nicht wieder der gefahrvolle Tiefschlaf ereilen) so etwa gegen acht Uhr dreißig zu halten hat. Vorzugsweise und aus Gründen der Sicherheit werde ich bis zu diesem Termin nicht noch einmal mein Bett aufsuchen. Die Sicherheit stand heute auch auf der Tagesordnung, als wieder einmal die Stadt Augsburg im Mittelpunkt der internationalen Berichterstattung stand. Nicht zum ersten Mal wurde in der pittoresken Stadt der Renaissance die vermutlich äußerst konspirative Wohnung eines Islamisten hochgenommen.

Angesichts des auf diese Weise entstandenen Wirbels könnte leicht die Meldung ins journalistische Abseits geraten, dass der Augsburger Oberbürgermeister uns heute für das kommende Jahr einen ausgeglichenen städtischen Haushalt versprach. Und das, so betonte er, ohne Kultur- oder Freizeiteinrichtungen zu schließen, wie es in anderen Städten leider die Regel sei. Die Investitionssumme erhöhe sich weiterhin um 30 Prozent, was vor allem den Bildungseinrichtungen zu Gute komme. Ich bin fürs Erste gespannt auf die rosige Zukunft der Augsburger Bildungseinrichtungen und möchte, mit der üblichen vor politischen Lippenbekenntnissen und Lobeshymnen auf die eigenen Erfolge gebotenen Vorsicht, schon einmal herzlich zur offensichtlich gelungenen kommunalen Politik gratulieren.
Nun setze ich mich mit einigem Widerwillen und dröhnendem Schädel an mein Referat, bin in Gedanken bei Annett Louisans Autogrammstunde in einer Berliner Filiale der Elektromarktkette Saturn, und hoffe auf die Rückmeldung meiner hoffentlich nicht übermäßig verstimmten Mitreferentin, während im benachbarten Badezimmer die Waschmaschine gemütlich vor sich hin brummt, nur unterbrochen von einigen eiligen, mich akustisch an das Anfahren einer Berliner Untergrundbahn erinnernden Schleudergängen.
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