...sich wieder schriftlich zu äußern, schließlich ist ja nun die Fußball-Weltmeisterschaft zu Hause, bei uns in Deutschland. Eine dolle Sache. Alle uns seit sechs Jahren versprochenen Mega-Bauprojekte sind pünktlich zum FIFA World Cup (c) fertiggestellt worden, die Ladenschlusszeiten gehen nun - obgleich nur übergangsweise - endlich in die längst überfällige zweistündige Nachspielzeit und im Supermarkt grinsen den arglosen Verbraucher schon seit Wochen aus allen Ecken fiese WM-Specials an: 12 Mars- und Snickers-Riegel im WM-Pack, dralle Miniwürstchen im schwarz-weißen Ballraster, Kochschinken mit dem Konterfei von Gerald Asamoah und Stileis in Deutschlands Farben. Dazu zu allem Überfluss schon in 9 Tagen die neue presstige, auch sie mit unverschämt viel grüner Wiese auf dem Titel.
Nun aber in medias res: Deutschland konnte es gestern vermeiden, sich bis auf die Knochen zu blamieren - wie es beispielsweise dem Ex-Weltmeister Frankreich beim Eröffnungsspiel vor vier Jahren oder den unglücklichen polnischen Kickern drei Stunden nach dem Deutschland-Spiel glückte. Das ist auch schon das einzig Positive. Aber da Deutschland eine Turnier-Mannschaft ist, sich steigern wird, jetzt erstmal fünf Tage lang Gruppenerster ist und Klose (unser erster "Anheuser-Busch Bud Man of the Match - die begehrte Auszeichnung für Einzelspieler") das Tor trifft, brauchen wir uns alle keine Gedanken zu machen. Das Turnier wird was. Versprochen.
Vor England habe ich seit einer guten halben Stunde keine Angst mehr. Eine Abwehr etwa auf dem Niveau der unsrigen, also zum Fürchten. Dazu im Sturm ein schlacksiger Carsten Jancker-Verschnitt mit (verglichen mit unserem WM-Star von 2002) Hippie-Frisur. 2 Meter Leidenschaft von beneidenswerter Ästhetik und Ballgewandtheit. Daneben Michael Owen, dessen Name mir aus früheren besseren (?) Tagen in Spanien noch erinnerlich war, mit geschätzten anderthalb Ballkontakten über 45 Minuten. Ansonsten wird kernig alles auf die Tribüne geballert, was nicht niet- und nagelfest ist. An Ansehnlichkeit dem deutschen Ballgeschiebe, das den verblüfften Zuschauer in die Zeiten fast vergessen geglaubter schwarz-weißer WM-Spiele der 1950er Jahre zurückversetzte, in nichts nachstehend. Die englischen Fans in etwa so zahlreich und enthusiastisch wie das VIP-Publikum von gestern aus dem Münchner Olympiastadion. Dazu noch David Beckham - der Retter und Ballkünstler aus Spanien. Aber unserer kommt ja noch. Gestern lachte der Messias aus Görlitz mit Deutschlands Nummer zwei, Oliver - genannt Olli - Kahn von der gemütlichen Bank aus um die Wette. Wahrscheinlich weil wir in Bayern zum ersten Mal seit geschätzten 78 Monaten über 15 Grad Außentemperatur erreichten. Und ich hatte schon Angst um unser Erscheinungsbild vor der interessierten Weltöffentlichkeit: Dauerregen, Kälte und grau in graue, menschenleere Innenstädte - was für ein gänzlich falsches Bild unseres fröhlichen und feierfreudigen Heimatlandes wäre vor Millionen beinahe fahrlässig aufgeschlossener Touristen, die mutig alle Reisewarnungen deutscher Ex-Regierungssprecher in den Wind geschlagen haben, gezeichnet worden? Aber jetzt kann es endlich richtig losgehen: A Time to make friends.
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