Was für ein pathetischer Titel - und ein wenig abgenutzt. Ich möchte es aber nicht versäumen, allen serendipity-Entwicklern herzlich für ihre Mühe und ihre Ideen zu danken. Ein besonderer Dank gilt
Jannis, den ich gestern in einem Anflug von Produktionsbedürfnis mit dem folgenden Anliegen überfiel. Inzwischen habe ich natürlich ein schlechtes Gewissen, weil ich zum Einschlafen in Rolf Dieter Brinkmanns Textcollage "Rom, Blicke" (Titel des Hrsg.s) dessen Beschwerden aus dem Jahre 1972 über seine unproduktiven Mitstreiter verfolgte,
die nichts außer "Gerede und Gefasel", aber "kein Buch" zu stande gebracht hätten. Umgekehrt fühlt sich Brinkmann an anderer Stelle aber regelrecht bedroht von der Verwertungsmaschine, die er bei den ebenfalls in der Villa Massimo weilenden übrigen mit Stipendien versehenden Künstlern beobachtet.

zunftmeister: brauche unbedingt auch ein blog, jannis
jannibaer1: ok gib mir 5 min
zunftmeister: :o))
zunftmeister: gut dann dusche ich solange
jannibaer1: www.poebeln.de als domain?
zunftmeister: geht das?
jannibaer1: klar
zunftmeister: wäre natürlich grande
jannibaer1: dusch mal
zunftmeister: jor bleib solange online
zunftmeister: muss nämlich so viel, was mir hier widerfährt, kommentieren - das geht nicht alles lyrisch, sonst verkommen meine werke wirklich zur gebrauchsliteratur
Denn wie soll ich nach einer viel zu langen Nacht, die ich mit ausgiebigen Diskussionen über die Weltpolitik im allgemeinen und Moral, Ethik und Weltanschauung im postkommunistischen Zeitalter im besonderen verbrachte, damit umgehen, dass sich nun ausgerechnet Berlins Erzbischof Georg Kardinal Sterzinsky - wer kennt diesen junggebliebenen Haudegen nicht? - für den Boykott von US-amerikanischen und britischen Waren ausspricht, wie dpa vermeldet. Wie immer bei diesen Boykottaufrufen erklärt mir nur niemand, wie ich das konkret anstellen soll, um zu meinem persönlichen Lebensglück zu gelangen. Dass es einem Kirchenfürsten vielleicht leicht fallen mag, sein europäisches Gewissen derart zu beruhigen, schicke Gewänder für jeden Anlass von einem italienischen Edelschneider mit florierendem Geschäft am Corso - nur sehr wenige Gehminuten von der Piazza S. Pietro entfernt - zu beziehen und sich wie der eine oder andere Berliner Großbäcker das Mehl für die Oblaten aus dem nahegelegenen Polen - das ja schon viele positive Innovationen für die Kirche mit sich brachte - liefern zu lassen, um gleich im Anschluss eine größere Messweinlieferung aus dem verbündeten und freiheitsliebenden Frankreich in Empfang zu nehmen, ist evident. Überhaupt ist die Bedeutung der französischen Freunde (Gott segne sie) grade für die vielen Glaubensbrüder im stets angenehm besonnenen Zentral- und Ostafrika gar nicht zu unterschätzen, schließlich taten unsere friedensbewegten Nachbarn alles dafür, dass vielen Afrikanern in der Hoffnung auf ein Handeln der von der französischen Diplomatie ausgebremsten Weltgemeinschaft bald nichts mehr außer Beten und ihrem Glauben an eine bessere Welt im Jenseits blieb. Vielleicht möchte mir der Etzel aus der Hauptstadt aber auch einige günstige Ablassbriefe gegen milde Spende in die gute Kollekte verkaufen, damit ich mich endlich von meinem unnachgiebig schlechten amerikanischen und britischen Gewissen reinwaschen kann, das mich sogar bis in meine Träume verfolgt.

Als höchste überhaupt vorstellbare menschliche, ach was universale Instanz sprach Sterzinsky darüber hinaus auch dem amerikanischen Präsidenten George W. Bush ab, dass dieser sich bei seinen Kriegsplänen auf Gott berufen könne. Bleibt nur zu hoffen, dass der Himmel noch nicht dem Weltkapitalismus anheim gefallen ist, vielleicht ist englisch dort auch längst Amtssprache und anstelle der Mitra trägt man Baggyhosen, der Bischofshut ist von den Lakers, mit dem Bischofsstab kann man Baseball spielen, die Oblaten gibt's am Drive In und mit Ketchup und der Messwein ist koffeinhaltig, braun und hat einen seltsam süßlichen Geschmack nach Zimt- und Kräuterlimonade.
Aber all das ist kein Grund zur Beunruhigung, denn dank der investigativ arbeitenden Medienpäpste werden wir kleinen Erdenmenschen immer auf dem Laufenden sein. Spätestens wenn dort folgerichtig und unter vorgeschobenen Gründen ("die Hölle stellt eine reale Bedrohung für die himmlische Sicherheit dar") die ersten Kriege (neuweltlich und aufgewärmt: Kreuzzüge) gegen das Böse beginnen, wird Peter Arnett bereitstehen, um der Welt himmlische Interviews zu geben - anteilig bezahlt von griechischem Staatsfernsehen und belgischem Privat-TV. Ich frage mich, ob russische Nachwuchsautoren, die grundsätzlich zu den
bedeutendsten ihrer Generation zu zählen haben, sich dann auch wie heute (in der Welt) Viktor Jerofejew unter der Überschrift „Geschenke vom Onkel aus Amerika“ fragen werden, natürlich adaptiert und mit der Zeit gehend „Gnade vom Onkel von oben“, wie sich jemand das Recht zu einem Kreuzzug herausnehmen kann, den man „am 11. September vergewaltigt“ hat. „Das tat ihm weh im Hintern. Der Onkel ist gekränkt, erniedrigt, beleidigt. Jetzt hat er freie Bahn. Er fuchtelt mit seinem Knüppel herum. Seine Backen sind voller Blut.

Aber für mich ist er nicht mehr der gute Onkel.“ Wie schade und welch unschöne Worte für ein so edles Ansinnen. Die Russen sind eben doch die echten Menschenfreunde - zum Glück von gegenwärtigen Vergewaltigungen und Hinternweh verschont. „Für mich ist die Untergrabung des Vertrauens gegenüber Amerika eine Aufforderung, in einer neuen Wirklichkeit zu leben, eine psychologische Ohnmacht.“ Das Gefühl, gebe ich zu, kenne ich allerdings aus den letzten Wochen auch gut. Der russische Autor hat Recht - wahrscheinlich sind wir einfach doch alle nur gekränkt, erniedrigt, beleidigt, so viel Illusionslosigkeit schmerzt. Wie bei Heinrich Heine geht auch uns der reale Weltriss mitten durch das kranke europäische Herz und während unsere Staatenlenker noch neidisch über den Teich schauen und ihre Großmachtsträume zwischen Anspruch und Wirklichkeit davonschwimmen sehen, bemerken wir einmal mehr unsere eigene Unbedeutsamkeit und Leere gegenüber der Komplexität des Daseins.
Um es zum Abschluss mit Brinkmann zu sagen:
Viel zu voll, die Gegenwart:der Zwang zum Ausgelöschtwerden nimmt in jedem einzelnen auf seine eigene Weise zu:das ist die Logik der bestialischen Natur!
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