Soeben höre ich wunderbare Musik aus dem vorletzten Jahrzehnt, den achtziger Jahren des letzten Jahrtausends. Sie kommt aus Frankreich (einiges ist wohl auch schon ein wenig älter und aus Belgien). Ich bin ohnehin der Meinung, dass viele sinnvolle Errungenschaften unserer Zivilisation ohne Frankreich, den sympathischen und bescheidenen Nachbarn im Westen, niemals auf uns dumpf-stumpfsinnige und ideenlose Deutsche herabgekommen wären.
Dennoch klärte uns das SZ-Magazin vor genau zwei Wochen in einer wirklich famosen Ausgabe mit dem Titel "Auch leer gut" über Geniestreiche deutscher Designer auf. Ich will es mir an dieser Stelle nicht nehmen lassen, hier meine Lieblings-"Denkmale deutschen Designs" aufzuführen, während die Laute geschlagen wird und ich feststelle, dass ich nachts meine erste Fremdsprache Französisch, die mich beinahe neun Jahre meiner Schulzeit begleitete, fast schon taub beherrsche "Bleu, Bleu, l amour est bleu l amour est bleu, quant du prends ma main - Gris gris le ciel est gris" (Accents sind mir zu kompliziert und überflüssig, das Deutsche kommt beinahe komplett ohne sie aus - sieht man vom Currybuden-Genitiv-S ab).
Meine Lieblingsikone deutschen Designs ist neben der Lakritzschnecke, die wider anderslautender Gerüchte kein Pferdeblut enthält, besonders der Leitz-Ordner. Kaum ein Produkt deutscher Fantasie steht in solch eklatanter Weise für Charakter und Lebenswirklichkeit einer ganzen Nation. Grau in Grau sind alle verfügbaren Farbtöne. Der Leitz-Ordner des Louis Leitz von 1896 ist Objekt der Ordnung, der Disziplin und der Formalisierung. Er bündelt übertriebene Gründlichkeit, Verlässlichkeit und unnötigen Arbeitsaufwand aller Art. Er verkompliziert meist eher, als dass er hilfreich wäre, obwohl er doch Erleichterung sein sollte. Er ist unverwüstlich und humorlos und erfüllt seine Pflicht ohne Murren - mindestens ein Deutschenleben lang. Seine Kanten sind ungefährlich, sein Verschlussmechanismus hakt immer perfekt ein und ist patentiert. Er trägt auf der Rückseite ein Loch, dass aber zu nichts gut ist, außer dass man den Ordner mit festem Griff weniger Finger besser halten kann. Es gibt kaum etwas ästhetischeres als ein Leitz-Ordner-Zimmer, bereits reflektiert und verewigt vom großartigsten Österreichischen Nachkriegs-Schriftsteller (hier trifft der Begriff sehr genau) Thomas Bernhard, ich glaube, es war in seinem genialen epochalen Roman "Korrektur".
Ein weiteres dieser "deutschen Produkte für die Ewigkeit" ist natürlich die Nivea-Creme-Dose von 1925 in ihrem unendlich tiefen Monochrom-Blau. Ich benutze diese Creme leider nicht. "Les ouvriers sont deprimes - Paris s eveille - il est 5 heures". Fantastisch auch der Bleistift Castell 9000 aus dem Jahre 1905 in jägergrün und mit hübschen klaren Kanten, unverwüstlich und prima zum in den Ohren bohren, leider löst sich dabei immer etwas vom Goldlack. Das Schönste aber sind die beiden Ritter im gräflichen Firmenlogo der Familie Faber-Castell, die sich mit zwei überdimensionalen Bleistiften duellieren. Bleistifte zu Lantzen - ein tolles Motto in den Tagen der weltweiten Verwirrung und ebenfalls geeignet für jede renitente Schulklasse.
Heimwerker freut der Fischer-Dübel, wie konnte man nur ohne so etwas Praktisches - und wir sind ja so schrecklich praktisch und pragmatisch, weshalb sogar unsere geliebten Baumärkte so heißen - auskommen? Ich bin kein "Do-it-yourself-man", wie diese sonderliche Spezies in unseren speckigen Englischbüchern aus den späten 1970er Jahren genannt wurde, und weiß daher auch nicht die Vorzüge einer formschönen blauen Bosch-Bohrmaschine zu schätzen.
Irgendwie kann ich mich aber immernoch über den Lufthansa-Kranich auf gelbem Grund und in engem Rund von 1918 freuen, denn er erinnert mich immer an die frühen 1990er Jahre, als man ihn endlich wieder in Berlin(-West) zu Gesicht bekam und nicht immer nur die seltsame PanAm, die ja bereits hinreichend aus unzähligen Kinofilmen bekannt war. Heute aber, so gestehe ich, fehlt mir die PanAm, an die ich mich so umfassend gewöhnt hatte, schon ein wenig.
Ganz großartig ist auch der Leibniz-Butterkeks von Bahlsen und von 1891 mit seinen 52 Zähnen, nur seinen Herkunftsort verschweige ich an dieser Stelle lieber - an Expo war damals jedenfalls noch nicht zu denken, dafür erfand man gleich mit dem nach dem berühmten Mathematiker benannten Backwerk den Namen "Keks" mit.
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