Freitag, 30. April 2004
Drei neue Texte auf Bourgeoisie.de. Sie stammen von Oliver Krüger und Orhan Kücükyilmaz. Zwei der Texte sind lang erwartete Fortsetzungen ihrer Bücher, deren erste Teile bereits auf Bourgeoisie.de erschienen.
"Die Vielfalt des Berlinerischen, sein Wortwitz, sein Reichtum an Redewendungen - das alles gepaart mit der Schlagfertigkeit der Hauptstadt-Bewohner haben dieser Mundart den Ruf der berühmt-berüchtigten 'Berliner Schnauze' eingebracht." (Langenscheidt)
Da das Wetter heute nachmittag ohnehin etwas nachlässt, und die Ferne mich nicht zu sehr von der Heimat entfremden soll, habe ich mich entschlossen, mein kleines virtuelles Tutorium Berlinerisch zu beginnen, das an dieser Stelle in relativ regelmäßigen Abständen seine Fortsetzung finden soll. Im Wesentlichen stütze ich mich dabei aus Mangel an Kompetenz - schließlich habe ich meinen Urgroßvater, der Kutscher und Kommunist war, zu meinem größten Bedauern nicht mehr selbst kennenlernen dürfen - auf den Langenscheidt Berlinerisch. Viel Vergnügen.
Auf Wunsch stelle ich Hausaufgaben per e-Mail.
"kursbeginn" vollständig lesen
Samstag, 24. April 2004
 Dann habe ich nach längerem Warten, denn zwei der vier Kopierer funktionierten gar nicht, und das war ein Kopierer mehr als gestern, als nur einer von vier Kopierern gar nicht funktionierte, eine Runde kopiert, aber nur eines von den vier Büchern, aus dem Besten der vier Bücher habe ich kopiert, die anderen drei habe ich auf einen Tisch gelegt, um mir standesgemäß meinen eigenen Bücherstapel zu erstellen, später erfuhr ich dann, das ich das gar nicht darf, mir einen eigenen Bücherstapel zu erstellen, wie all die anderen, die sich auch eigene Bücherstapel in der Bibliothek erstellt haben, und die Bücherstapel haben zum Teil einen sehr beachtlichen Umfang erreicht, das kann ich ohne jede Übertreibung feststellen, ich hätte nämlich, um mir legal einen eigenen Bücherstapel zu erstellen, das heißt, ohne gegen die Regeln zu verstoßen, eine Genehmigung von der Fakultät einholen müssen, in der es dann in etwa geheißen hätte, dass ich das unveräußerliche Recht besitze, mir einen eigenen Bücherstapel in der Bibliothek anzulegen, weil ich einen eigenen Bücherstapel in der Bibliothek für meine wissenschaftliche Arbeit in jedem Fall benötige, wobei ich mir beinahe sicher bin, dass die Arbeiten für mein Seminar in historischer Demographie der Frühen Neuzeit auch als wissenschaftliches Arbeiten hätte gelten können, dann habe ich aber die Bibliothek verlassen mit meinen 88 Kopien, und es ist kühl geworden, und der Hunger peinigt mich, wenn ich es so - mit leichter Übertreibung - sagen darf, und ich verlasse das Gebäude und die ersten Regentropfen fallen vom Himmel, am Morgen war es noch sonnig und am Vormittag dazu recht warm gewesen, doch die Regentropfen fallen plötzlich, wie so oft in der letzten zeit, wenn ich ein Gebäude verlassen habe, als hätte man auf mich gewartet, um meinen gefühlen ausdruck zu verleihen, aber das ist dann doch etwas zu hoch gegriffen, merke ich, und Gott beschwert sich auch gleich bei mir ob dieses Sakrilegs mit einem lauten, erschütternden Donnern, so dass ich gleich in die Buchhandlung fahre, wo niemand weiß in welchen Bänden, ob in Sammelbänden oder anderen Anthologien ich die gesuchten Texte deutscher Autoren des neunzehnten Jahrhunderts finden kann, aber ich bin nicht erbost, ich winke ab und sage den Verkäuferinnen, dass ich mich selbst auf die Suche machen werde, dass ich in die Bibliothek gehen werde und suchen werde nach den Texten, die ich benötige, denn ich möchte keine zweibändige Ausgabe der Gesammelten Werke im Deutschen Klassiker Verlag für zweihundertachtundvierzig Euro bestellen, auch wenn, wie ich sofort einräume, es sich bei diesen Ausgaben im Deutschen Klassiker Verlag um die schönsten Ausgaben handelt, die man sich überhaupt vorstellen kann, und ich bestelle doch noch etwas, zwei Reclamausgaben und zwei aus dem Suhrkamp-Verlag, und schon Montag werden sie eintreffen, und mein Name ist in der Kundendatei mit Doppel-S geschrieben und als meine Adresse ist in der Kundendatei die der ehemaligen Wohngemeinschaft von J. in der Maximilianstraße angegeben, und einige Stunden später hole ich die drei verbliebenen Bücher von meinem eigenen Bücherstapel in der Bibliothek und entleihe sie über das Wochenende, und dann besuche ich eine Kinovorstellung in einem sogenannten Programmkino und sehe den Film Monster, der mich sehr bewegt und der mir das unmissverständliche Gefühl gibt, dass man es nicht so weit kommen lassen darf, und ich denke, dass mir der Kinofilm genau dieses unmissverständliche Gefühl geben sollte, dass es eben die Absicht der Filmemacher gewesen ist, während sie ihrer Arbeit an diesem Kinofilm nachgegangen sind, möglichst vielen Menschen so wie mir beim Betrachten dieses Kinofilms das unmissverständliche und sehr eindringliche Gefühl zu geben, dass man es nicht so weit kommen lassen darf, und dann denke ich kurz, was ich nur wenige Stunden zuvor aus einem ganz anderen Zusammenhang heraus schon einmal getan hatte, an die Gesellschaft, in der ich lebe, und ich verstehe noch viel weniger als noch wenige Stunden zuvor, wie diese zutiefst kranke und in ihren Grundfesten längst morbide, im höchsten Maße lebensfeindliche Gesellschaft, die aber noch nicht das Höchstmaß der Existenzfeindlichkeit erreicht zu haben scheint, die andere, vergleichbare - denn nur darum kann es gehen - Gesellschaften schon längst erreicht haben, wie also diese meine Gesellschaft, die sich kaputt gelebt hat in ihrer störrischen und blinden Unveränderlichkeit, in ihrem grotesken Willen zur unauflöslichen Bestandswahrung, wo es doch nichts mehr außer dem Missstand zu wahren gibt, bis zum heutigen Tage weiter existieren kann, noch immer ohne sich zu zerfleischen, ohne die größten Auflösungserscheinungen für alle offen sichtbar nach außen zu tragen und ohne den Menschen in dieser Gesellschaft permanent das überfällige, letztgültige Gefühl ihrer Vernichtung zu geben, und jetzt sitze ich vor einer Lampe, die ein trübes, aber warmes Licht spendet, und blicke auf die Wipfel vor meinem Fenster, die ganz allmählich grün werden, denn es ist Frühling, und schon wieder grollt und donnert es in der Ferne, und beinahe denke ich, dass Gott mich für mein zügelloses, unzüchtiges Schreiben neuerlich und auf subtile Weise noch viel eindringlicher verwarnen möchte, doch dann stellt sich alles nur als das ferne Abschlussfeuerwerk des hiesigen Karnevalsfestes heraus.
Freitag, 23. April 2004
 die flucht war ganz und gar nicht ohne sinn, schließlich hat man sich nun nach meinem für alle seiten schmerzlichen weggang von der technischen universität berlin entschieden, bestimmte lehramts- und magisterstudiengänge einzustellen, wie ich heute aus der mailingliste der ehemaligen streikkoordination erfahren habe, aus der ich mich - wie ich nun weiß - mit gutem grund nicht habe austragen lassen. wozu menschen in berlin geschichtliches wissen brauchen könnten, erschien ohnehin seit längerem schleierhaft.
einige menschen sollten sich bis in alle ewigkeit schämen für ihre gedankenlosen schandtaten, und sie sollten sich fürchten vor der wut und der ahnungslosigkeit, die ihre ignorante blindheit zu säen imstande sein wird.
"Da öffnete er ihnen das Verständnis, so dass sie die Schrift verstanden" (Lk 24,45)
Dienstag, 20. April 2004
 Kurz nach Hause geeilt zwischen zwei Universitätsveranstaltungen, die Erste war im Übrigen recht unterhaltsam, stelle ich mit Begeisterung fest, dass ich mich schon immer genau richtig, körpergerecht und absolut bewusst ernährt habe. Den Beweis liefert der Spiegel, und beinahe bin ich traurig darüber, dass ich mir heute Mittag, beinahe gerade eben, eines dieser köstlichen Roast Beef-Baguettes im Kaffee Max an der Augsburger Maximilianstraße mit J. geteilt habe, anstatt - wie sonst konsequent von mir verfolgt - weiter hart und nahrhaft an der Gesunderhaltung von Leib und Seele zu arbeiten. Es gibt übrigens tugendlose Frevler, die sich tatsächlich - so wird kolportiert - erdreistet haben sollen, außerhalb Berlins dem "Genuss" einer Currywurst und eines Döner Kebabs zu frönen. Nachher kläre ich in meinem ersten Augsburger Hauptseminar - eigentlich zur Frühen Neuzeit - hoffentlich endlich die mich seit Semestern intensiv bewegende und Generationen junger Studenten plagende Frage Warum und zu welchem Ende studiert man deutsche Geschichte?
Donnerstag, 8. April 2004
 Zur Freude meiner Nachbarn habe ich mich gestern zum wiederholten Male bis tief in die Nacht darum bemüht, aus meiner Wohnung dem Namen gemäß einen wohnlichen Raum zu machen, denn es handelt sich ja dabei im Wesentlichen um genau einen Raum, der mit mehreren Regalen, 57 Umzugskisten und diversen weiteren Möbeln aufgefüllt war. Um kurz nach drei entschied ich mich dann, einen kleinen Nachtspaziergang in die Altstadt zu Jannis' Wohnung anzutreten. Kaum aus der Haustür getreten, stellte ich fest, dass ich erstens einen orangefarbenen Mitteilungszettel von DHL vor der Haustür verloren hatte und dass zweitens die Fenster im Erdgeschoss des Nachbarhauses hell erleuchtet waren. Draußen schneit es übrigens inzwischen wieder wie wild und mein Radiofavorit im hiesigen Kabel, Ö3 aus unserem lustigen Nachbarland, sendet Maoam-Werbung. Ich beschließe grade später lediglich in Österreich als Lehrkraft zu arbeiten. Dort wird man von den Schülern wenigstens mit "Herr Professor" angesprochen. Expert entsorgt meine alte Waschmaschine, höre ich soeben, ich hätte ja auch noch ein solches Gerät in meinem sogenannten Mieterkeller. Nächster Höhepunkt: Und nun ist auch die Waschmaschine total verlkalkt "Se hoams oaba koa guats Woaschwossa". Jedenfalls erblickte ich im hell erleuchteten Küchenfenster des Nachbarhauses den riesigen entblößten Hintern einer großen und sehr übergewichtigen Person mit langem dunklen Nackenhaar. Während die Person minutenlang und recht ungehemmt über den Inhalt des Kühlschranks herfiel und sich immer weitere Nahrungsberge in die Vorderseite des Kopfes stopfte, wackelten die breiten Speckschwarten an ihrem Rücken lustig hin und her. Leider ist das Foto, das ich sogleich mit meiner Mobiltelefonkamera schoss, trotz Nachtmodus von lachhafter Qualität. Länger wollte ich meinem Voyeurismus dann aber doch nicht fröhnen, zu groß erschien mir die Gefahr, die Person könne sich umdrehen und dem nächtlichen Wanderer noch mehr eindrucksvollen Speck präsentieren.
Ich glaube, ich erwähnte vor einiger Zeit meine neue Freundin, die interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforscherin der Universität Augsburg (angeblich: Bert-Brecht-Universität, ist aber weder auf den Briefköpfen der Uni noch irgendwo im oder am Gebäude zu lesen - von AStA-Aushängen abgesehen). Ein Freund konnte sie gestern dabei beobachten, wie sie weitere geheime Bücherstapel auf den Tischen der Bibliothek anlegte. Zwischendurch ließ sie unter leisem Grunzen ihren runden Kopf auf dem speckumfassten Halsstumpf kreisen, um sich anschließend mit einem lauten Seufzen erst an den Nacken zu fassen und dann genüsslich in den Ohrlöchern zu bohren. Ich werde nun meinen Wochenendeinkauf bei real machen, wenn ich den real-Markt finde. Khai wird mich morgen besuchen, und zur Zeit habe ich nur Bier und die Sirupflaschen im Kühlschrank, die nicht beim Einräumen der Schränke auf den Küchenfliesen zerschlagen sind. Schon immer wollte ich so einen richtigen ausgedehnten Wochenendeinkauf machen wie alle diese sympathischen Familien, denen man immer mit zwei übervollen, nicht zu navigierenden Einkaufswägen und drei plärrenden und willkürlich in die Regale grapschenden Kindern in engen Supermarktgängen begegnet. Ich muss kurz schauen, ob ich noch einen der Jogginganzüge im Schrank finde, die Jannis bei seinen real-Einkäufen stets zu tragen pflegt. Und noch ein kleiner Hinweis: Der Tauerntunnel ist für kurze Zeit gesperrt. Dort werden drei Schwertransporte durch den Tunnel geschleust. Ich mag es, dass in Österreich jede Autobahn und beinahe jede Bundesstraße neben einer Ziffer noch einen hübschen Namen tragen.
Mittwoch, 7. April 2004
Gestern Nacht stand ich circa vier Stunden vor dem angesagtesten Club der schwäbischen Metropole um ein angeregtes Nachtgespräch mit dem Herrn Andergast zu führen. Am Besten gefallen hat mir die streunende Katze, die verliebten Blickes nicht mehr von der Seite der frierenden Türsteher weichen wollte, und am Zweitbesten haben mir all die angetrunkenen jungen Dinger gefallen, die sich mit einiger Mühe aus dem Laden an die frische Luft kämpften, um dann dort auf der Straße mühsam an eine ach so schiefe Hauswand gelehnt niederzusinken. Ein Tipp: Wenn man sich dann nicht zur Bergseite der Straße neigt, um sich seines Mageninhalts zu entledigen, umspielt einem jener auch nicht wenig später das Gesäß und die Beine. Ich habe schließlich etwas früher als die Götter der Nacht Feierabend gemacht und mich auf dem Heimweg noch an Dutzenden flaschenwerfenden jugendlichen Bierleichen still erfreut.
Montag, 5. April 2004
Das war ein herzliches Willkommen heute morgen an der Universität Augsburg. Erst drängelt sich ein vierzig Kilogramm schwerer und zweimetersiebzig großer BWL-Schwachmat in der Cafeteriaschlange an uns vorbei, um danach Jannis aus lustiger Höhe zuzuraunen, ob er ein Problem habe, woraufhin ich ihn auf seine Frustrationshöhepunkte hinweisen musste, deren einzige Ursache seine in Bälde anstehende Zwangsexmatrikulation aus der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät sein dürfte. Vielleicht hat der gute Mann (oder "Meister", wie Jannis es ansprach) aber trotz seiner völligen Realitätsverweigerung (CG) auch einfach nur bemerkt, dass er schon immer von allem und jedem gehasst wurde - und zwar völlig zurecht, weil seine Gedanken stets so hässlich und unbrauchbar waren und sind wie er selbst. Dieser egomane Kunst-, Kultur- und Menschenfeind erwarb übrigens, damit sei diese unerfreuliche Anekdote beschieden, zwei - und man muss es leider so in aller Deutlichkeit sagen und kann dieses Detail dem geneigten Leser auch nicht ersparen - Wiener Würstchen, die mit Abstand hässlichsten und kürzesten und fleischfarbensten, ergo erbärmlichsten und ekelhaftesten Wiener Würstchen, die ich jemals schauen durfte.
Vorsicht Klammersatz (ein Brüller): Anschließend traf ich in der Teilbibliothek Geisteswissenschaften der Augsburger Universitätsbibliothek auf die übergewichtige platinblonde Moderatorin (Berufsbezeichnung: Wohnpolizei; ohne Worte) einer Heimwerkersendung (laut Sender ist es Aufgabe der Moderatorin "Zimmer von überflüssigem Krempel (zu befreien) und alles neu ein(zurichten)") auf RTL (ich weigere mich, mir deren exakten Namen einzuprägen, wie ich mich im Übrigen auch sonst ganz und gar zu weigern pflege, mich mit der Existenz von RTL und mit der Existenz eines RTL in jeder Hinsicht bis zum völligen Stumpfsinn hörigen Publikums abzufinden). Hinter einen Arbeitsplatz in der hintersten Ecke des weitläufigen Raumes gedrängt, hatte sie vor  sich einen Berg Literatur zur interdisziplinären Frauen- und Geschlechterforschung errichtet, der ihr in Umfang und Gewicht in nichts nachstand. Sicherheitshalber hatte sie auf einem Tisch, der sich etwa zehn Meter Luftlinie von der dicken Matrone entfernt befand, noch einen weiteren Alpenhauptkamm errichtet. Es sei zum tiefergehenden Verständnis angemerkt, dass die Bibliotheksmitarbeiter Bücherberge gnadenlos abräumen, wenn sie die charakteristische Höhe sanfter Hügel des Voralpenlandes überschreiten. Um diesen zweiten Bücherberg zu erreichen nun musste die Grazie sich an Jannis und mir vorbeischieben, was ihr nicht zu gelingen schien - sich wahrscheinlich auf ihr unbekannte Weise von gewaltiger Gravitation wider jeden Willen zu uns hingezogen fühlend. Diese Gelegenheit nutzte sie zu einigen kecken Bemerkungen, ich taufte sie Styletonne, so wie ich auch die RTL-Moderatorin nenne, Styletonne blubberte weiter, ob wir unsere (im Flüsterton geführte) Unterhaltung nicht gefälligst (Lieblingswort) draußen weiter führen könnten und polterte dann, ob man Styletonne gefälligst mal vorbeilassen könnte. Man ließ Styletonne gewähren, wodurch sie die Möglichkeit erhielt, sich einige Bücher über Frühkindliche Aggressionen in Gruppen und Aggressionen in Gesprächsumfeldern von ihrem zweiten Berg zu nehmen. Da wir befürchteten, von der Mamba als kleine Zwischenmahlzeit nebst der pädagogischen Grundlagenliteratur verspeist zu werden, suchten wir eilig das Weite.
Zwischendurch habe ich mich noch mit einem sympathischen Geschichtsdozenten angefreundet, der mit mir über Seminarteilnehmerzahlen philosophierte und mir zu fast allen meinen von gänzlicher Ignoranz gezeichneten Fragen bereitwillig und geduldig Auskünfte erteilte und mich zudem mit einer Assistentin des Lehrstuhls bekannt machte, die einen Deal, wie sie es nannte, mit mir verabredete und dabei derart unsterblich schön lächelte, dass sie sofort für alle Ewigkeit mein Herz gewann.
Samstag, 3. April 2004
Gerade sehe ich auf 3sat einen im höchsten Maße schwachsinnigen Beitrag über Windparks im offenen Meer. Nun allerdings folgt ein Bericht über Marder und Wildschweine in Berlin, die sich dort aufgrund des guten Nahrungsangebotes besonders wohl fühlen und übermäßig vermehren. In Dänemark, wo Skrupel gar kein Argument sind und man den größten Gefallen daran gefunden hat, sich die gesamte Küstenlandschaft nachhaltig zu ruinieren, gibt es bereits Windparks im offenen Meer. Nun - passend zu den wegweisenden gestrigen Beschlüssen im deutschen Bundestag - sollen endlich auch vor der deutschen Küste solche Windparks entstehen. Auch ich muss zugeben, dass man von den deutschen Nordseeinseln aus die Tausenden von Windrädern an der entfernten Küste mit bloßem Auge kaum noch erkennen konnte, beinahe wie Streichhölzer sahen diese Generatoren freundlicher Energie aus der Weite des Meeres aus, es musste also gehandelt werden. Und nun sitzen hochbezahlte Wissenschaftler auf einer in den Ozean geschissenen Forschungsplattform, um sich über die Auswirkungen von Wind- oder gar Orkanböen auf die zukünftigen Energieheilande den Kopf zu zerbrechen. Ich muss nicht erwähnen, dass dieses Thema dem Spiegel gerade in dieser Woche eine Titelstory wert war. Jeder möge selbst nachlesen. Ich stellte mir nur das Gezeter vor, wenn der erste kleine Seeorkan diese lächerlichen Türme Babels wie Strohhalme umknicken wird. Dann werde ich nach Niedersachsen reisen und ein Fass aufmachen. Ich werde an der Küste stehen mit einer Kiste Champagner und mindestens fünf Millionen Niedersachsen werden glücklich mit mir anstoßen. Im Übrigen warte ich noch auf das Geheule, wenn irgendjemandem auffällt, dass die vielen artengeschützten Vögel, deren Lebensräume man seit Jahrzehnten mühevoll zu erhalten sucht, plötzlich verschwunden sind, oder wenn sich irgendjemand fragt, warum auf einmal Tausende verendeter Seehunde - oder besser noch: Wale (unsere geliebten, kleinen, vom Aussterben bedrohten Flipper) auf deutschen Stränden lagern.
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