Mittwoch, 30. Juni 2004
 Im Gegensatz zu unseren hochgeschätzten und edelmütigen, bescheidenen, nächstenliebenden und erfolgreichen Nachbarn können wir uns auch einfach nur ganz still, leise und bedächtig freuen...
Klick: Etwas musikalische Untermalung für die schweren Stunden.
Weil ich die letzten Nächte mit meinem Referat zubrachte und weitgehend auf Schlaf verzichtete, wurde ich auch gestern Abend nach einem kleinen Ausflug ins Allgäu und zur nahegelegenen Molkerei Alois Müller überhaupt nicht müde. Aretsried besteht übrigens nur aus Molkerei, fast genau so wie Kirchheim/Schw., das allerdings nur aus Fuggerschloss besteht - Menschen gibt es in beiden Orten keine, in Aretsried alternativ Geländefahrzeuge mit mannshohen Reifen, in Kirchheim ausschließlich knatternde Motorräder, die schätzungsweise von Zombies oder Schweizer Söldner bedient werden und deren Lärm von den Schlossmauern ziemlich unheimlich zurückgeworfen wird. Beim Einschlafen gegen halb sechs Uhr in der Früh entfiel mir dann tatsächlich mein guter kreativer Gedanke, den ich zuvor über Stunden entwickelt hatte. Im festen Glauben, dass es der Schöpfer den Seinen schon im Schlafe schenke, schlummerte ich ein. Leider war mein schöner elaborierter Nachtgedanke nach meinem im Übrigen viel zu frühen Erwachen gegen zehn nach zehn (ebenfalls in der Früh) noch immer verschwunden. Die Eingabe vom Herrgott lässt ebenfalls noch immer auf sich warten - allerdings habe ich noch Hoffnung bis zu meinem nachmittäglichen Bibelseminar. Dennoch: Wer meinen Gedanken findet, wird belohnt! Außerdem: Kann jemand portugiesisch und mir verraten, was sich hinter dem Fisch/Fischgericht "Cheren" verbirgt? Und: Orhan, herzlichen Glückwunsch und große Anerkennung!
Track des Tages, Sebastian brachte mich da auf eine Idee: ...when i'm far from home/ don't call me on the phone/ to tell me you're alone... lalalalala - Billy Idol - Eyes without a Face
 Ohnehin meine ganz eigene verwegene Theorie zu diesem grässlichen Schuhwerk vertretend, musste ich nun mit Entsetzen davon erfahren, dass diese formschönen Latschen im Grunde genommen reines Gift für die Menschheit sind. Wer Glück hat, bekommt nur einen formidablen Leberschaden, allerdings überzeugt mich die Aussicht auf Impotenz da schon eher. Als ich von der empfängnisverhütenden Wirkung der Treter erfuhr, drängte sich mir jedoch - das kann und darf ich nicht verleugnen - die allgegenwärtige Frage auf, ob hier nicht wieder einmal Ursache und Wirkung verwechselt wurden.
Montag im März. Ende Juni. Manchmal veröffentliche ich ja einfach unvermittelt das ein oder andere Gedicht.
Montag, 28. Juni 2004
 Richtig: Schon wieder Fußball. Was macht Holland eigentlich im Halbfinale? Ein Freund kolportierte mir aus dem französischen Lyon eine jetzt schon beinahe legendäre Geschichte, nach der sich nach dem Ende des letzten deutschen Vorrundenspiel dort die englischen und holländischen Gaststudenten oder Biertouristen (das französische Gebräu ist schließlich bis weit über die heimatlichen Grenzen - ungefähr bis Birmingham oder Rotterdam - bekannt und geschätzt) begeistert und johlend in den Armen lagen  , um textsicher die erste Strophe der deutschen Nationalhymne zu trällern. Nachdem besagter Freund einen Spießrutenlauf durch unsere bierseligen Deutschlandfreunde hinter sich gebracht hatte, entschieden sich diese vorbildlichen Europäer für einen kleinen Autokorso. Die französischen Polizisten, zu diesem Zeitpunkt war Frankreich noch im Turnier, waren bedauerlicherweise anderer Meinung und hatten glücklicherweise ihre Multifunktionseinsatzgeräte in weiser Voraussicht nicht neben Rotwein und Baguette auf der Wache liegen lassen. Zur Belohnung wurden sie von den nun nicht mehr ganz so gut gelaunten Feiernden als Nazis beschimpft.
Nun aber ist der Moment der Auferstehung und der Gloria gekommen, da unserem blühenden Lande endlich wieder Großes bevor steht. In Tagen größter frustgenährter Konsumverweigerung wird es Zeit für neue, echte Konsumanreize. Nein, dieses Land ist in seinem jetzigen Zustand tatsächlich nur noch von genau einer Person weiterzubringen und zu retten. Unser aller Nasen haben schließlich eine zweite Chance verdient. In Zeiten allgemeiner Depression - und da ich tagelang für mein Referat im morgigen Hauptseminar durcharbeite und aus Verzweiflung schon Samstag nachts nach Neuburg an der Donau fahre - braucht es einen solchen messianischen Motivationszauberkünstler. Also Daumen hoch!
Samstag, 26. Juni 2004
  Der Stoff, aus dem der Fußballgott die Träume stickt: Nikopolidis - Seitaridis, Kapsis, Dellas, Fissas - Karagounis, Zagorakis, Katsuranis, Basinas - Charisteas, Nikolaidis - Trainer: Rehhagel, Tor: 0:1 Charisteas (65., Kopfball, Vorarbeit Zagorakis)
(61. Lakis für Nikolaidis, 85. Tsiartas für Basinas)
Donnerstag, 24. Juni 2004
 Das wollen und werden wir auch erreichen, hieß es noch gestern. Die Deutschen sind die Deppen in Europa, Augsburg der Depp in Bayern - keine Kulturhauptstadt, heißt es im Radio. Wir sind besser, als wir glauben, trifft der stern den Nagel einmal wieder genau auf den Kopf - herzlichen Glückwunsch. Wir sind endlich wieder wer. Fast wie 1954. Herrlicher disqualifizieren kann sich ein Magazin kaum, doch "trotz Arbeitslosigkeit und Reformstau - Es gibt auch ein erfolgreiches Deutschland". Schade, dass das außer dem Stern und einigen verkoksten Spinnern, die bei wider Erwarten anhaltender Depression ihre Schwabinger Wohnungen durch die luftigen Fenster zu verlassen pflegen, niemand in den letzten Jahren irgendwo gesehen hätte. Der Stern bietet uns an diesem holländischen Feiertag als lobendes Beispiel nationaler Größe den Geschäftsführer einer schwäbischen Weltmarke für Seifenblasen - die tiefere Symbolik erschließt sich wohl nur ausreichend gepeinigten Landsleuten, und den Sprecher der Geschäftsführung des Weltmarktführers für Schließsysteme in Autos. Muss ich erwähnen, dass sich während meines letzten Berlinbesuches eine nicht mehr endende Karawane ausschließlich polnischer und litauischer Sattelzüge - gut befüllt mit Fahrbarem - über hunderte Kilometer rechter Spur hinzog? Es gibt doch kein Rudi Völler, heißt es im holländischen Radio, Recht haben sie behalten.
Mittwoch, 23. Juni 2004
Am Sonntag oder so ist Siebenschläfer. Das heißt, dass wenn dieses Wetter, wie es sich mir jeden Morgen aufs Erbaulichste präsentiert, wenn ich von meinem Balkon in die Welt schaue, noch einige Tage bestand haben sollte, bliebe es uns doch glatt erhalten. Bestimmt beginnt es dann bis an mein Lebensende immer genau dann zu regnen, wenn ich aus dem Haus trete oder mich auf längeren Autobahnfahrten ans Steuer begebe. Die hartnäckige Arbeit eines Bibers hätte gestern auf der B16 beinahe zu einer Katastrophe geführt. Er hatte einen 50 cm dicken Baum so zurechtgenagt, dass er auf die Bundesstraße stürzte. In Augsburg (nicht Kulturhauptstadt 2010) sorgt eine Serie von Kioskeinbrüchen für Aufruhr. Ich werde jetzt in meine Vorlesung für Bayerische und Schwäbische Landesgeschichte der Frühen Neuzeit gehen. Manchmal bilde ich mir ein, dass es dort nach Pisse riecht. Jedenfalls machen mich die vielen weißen Haare dort sehr nervös. Es ist unschön, wenn man auf dem edlen Weg der Bildung schon in seiner frühesten Jugend nur die Vergänglichkeit alles Irdischen vor Augen hat. Bald bin ich ein Vierteljahrhundert alt. Sollte Deutschland heute ausscheiden, ginge es dem Ende zu.
Samstag, 19. Juni 2004
 Der Dank an einen hellen Fleck am Firmament. das licht von einem stern von Oliver Krüger.
Montag, 14. Juni 2004
 Mein Blog ist endlich wieder, ähnlich wie das regelmäßig aktualisierte Bourgeoisie.de übrigens, am Start und ganz England trauert. Während ich mit der wenig erbaulichen Auswertung meiner Oettinger Handwerkslisten kämpfte, widerfuhr der elaboriertesten Kulturnation Europas andernorts und in meinem tapfer nebenher dröhnenden Fernseher Großes. Noch ganz trunken vom munteren Geholze der eigenen Spieler und am ohrenbetäubenden Jubel über soviel eigene Waghalsigkeit berauscht, mag dem Einen oder Anderen, gesetzt den Fall, er hatte sich noch nicht auf einen durchschnittlichen Inselpegel getrunken, das Britannia rule the waves oder God save the queen im speckigen Halse stecken geblieben sein. Ich frage mich, ob diese krakelenden Biervernichter mit den hochroten Köpfen auch alle brav an der Europawahl im heimischen Großbritannien partizipiert haben. Den Europafreunden sollen ja gute Zeiten im Land der Toleranz und Weltoffenheit, ja des einzig legitimen Weltregiments, bevorstehen. Inzwischen habe ich übrigens aus feinster altdeutscher Schreibschrift schon 76 sehr digitale Datensätze destillieren können und von mindestens 50 mir gänzlich unbekannten Käffern die Entfernung zur berühmten Weltstadt mit Herz (Oettingen), dem eigentlichen und einzig legitimen Zentrum Schwabens - neben seiner Hauptstadt Augsburg natürlich, berechnet, so kleine Orte, dass sie selbst die Schreiber der Handwerkslisten nicht so genau gekannt haben müssen, da die krakelnden Herren sich nicht auf eine einheitliche Schreibweise der Ortsnamen einigen konnten. Zum Glück gibt es Detailkarten des Schwäbischen und manchmal habe ich sogar zufällig einen der in den Listen genannten Orte entdeckt.
An dieser Stelle nun völlig wertfrei das Zitat aus der Sun, das mich über einige Alltagsstrapazen hinwegzutrösten vermag: "Ein Tritt in die Eier. Zum Kotzen. Zidane plättet England. Die Millionen von Fans, die das Spiel in Pubs verfolgt hatten, haben in ihr Bier geweint statt es zu trinken. Wir sind bestohlen worden. Zidane hat uns in drei Minuten zwei Messerstiche versetzt. Vergesst die Schmerzen dieser verlorenen Elfmeterschießen in Italien 1990 und der Euro 1996. Wenn man über verdammte Qualen auf einem Fußballplatz redet, kommt dem nichts, aber rein gar nichts nahe. Das Land war bereit, von einer magischen Nacht und einem zauberhaften Sieg zu künden, der uns auf den Weg zur Euro-Trophäe gebracht hätte. Das war dar grausamste Finish überhaupt und alle Fans von Manchester United wissen nun, wie sich Bayern München 1999 in Barcelona gefühlt hat."
Und der Daily Mirror merkt sehr richtig an: "diesmal wird über uns gelacht, nicht über ein paar Deutsche, die in den Rasen heulen. Diesmal sind es unsere Tränen."
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