Freitag, 27. August 2004
Das Wunderbare ist doch, und das scheinen die international zusammen gewürfelten und stets unabhängigen und gänzlich überparteilichen Kampfrichter der umjubelten Weltdopingfestspiele nun auch endlich bemerkt zu haben, dass man Deutschland die auf sportlichem Wege erlangten Medaillen nichtumständlich und nervenaufreibend im Nachhinein aberkennen muss, wenn man sie Deutschland einfach von vornherein gar nicht erst zuerkennt. Das sorgt zwar im ersten Augenblick für einige Irritierung, dann aber sind doch alle ruhig und zufrieden, denn Deutschland und seine unerfreulichen Repräsentanten, und wenn es nur die blöden, naiven Sportler sind, die sich noch immer unverzagt und nimmermüde mit ihren internationalen Konkurrenten in fairen Wettkämpfen messen wollen, ganz offen, vorbehaltlos und unverblümt zu verabscheuen, ist hoffähig und wird allseits wohlwollend akzeptiert. Eine prima Lösung für alle ist das, so meine ich, die nur uneingeschränkt zu begrüßen ist, da sie uns viel Aufregung und Ärger erspart. Es ist aber auch wirklich langsam einmal an der Zeit, dass man es diesem ewigen Querulanten, diesem unharmonischen Ungetüm, dieser ignoranten Supermacht mit ihrer unverschämten Position mitten im sonst so idyllischen Europa einmal so richtig zeigt, denn sie hat es schließlich grundsätzlich verdient, kann es immer gut gebrauchen, ist es doch auch nicht anders gewohnt, als dass unentwegt und von allen Seiten auf sie eingeprügelt wird. Sport ist so eine wunderbare friedliche Sache, die den Menschen hilft, den tristen Alltag zu vergessen, hier gelten andere Gesetze, und gerade bei Olympischen Spielen zählen bekanntlich übergeordnete ehrenhafte Dinge wie der olympische Gedanke, der olympische Geist. Mitmachen, das weiß jeder, ist hier schon die halbe Miete, und gerade wir Deutschen sollten uns glücklich fühlen und endlich mit der gebotenen Zufriedenheit die edle Geste anerkennen, dass der Rest der Welt nach all den Jahren angestrengt und längst entnervt noch immer so tut, als würde man uns, den alten Stinker, der nicht tot zu bekommen ist und den keiner so recht leiden kann, im Konzert mitspielen lassen. Das Allerbeste kommt aber noch. Da wir selber uns ja auch nicht leiden können, nie leiden konnten, unser größtes Hobby es ist, den Kopf einzuziehen und das Rückgrat unter der Knute zu krümmen, finden wir Gefallen an dieser Situation, stellen uns in die allererste Reihe, denn wenn es darum geht, auf dieses grässliche verabscheuungswürdige Land einzuschlagen, wollen wir nicht hintanstehen, da wollen wir endlich einmal mitmachen, vorne dabei sein und uns von den anderen auf die Schulter klopfen lassen, denn auch wir wollen gerne anerkannt werden, auch wir mögen es, wenn uns einmal jemand in den Arm nimmt. Es tauchen Fragen auf? Es herrscht allgemeine Verwirrung? Die politische Korrektheit schreit laut und mürrisch aus ihrer Ecke, in die man sie wegen Ungehorsams und ständiger Störung des Unterrichts gestellt hat? Ganz richtig, ich kann Holland und den verlogenen bigotten Rest nicht so richtig gut leiden und im Übrigen war dieses grelle orange noch nie meine Lieblingsfarbe.
Dienstag, 24. August 2004
 Und da dachte ich immer, dass Deutschland das Land der Spitzenköche sei.
Mit Müsli gegen Atombomben ("Es wird gedopt auf Teufel komm raus - mit Epo, Anabolika und Wachstumshormonen. Unsere Leute sind chancenlos. In mir wächst das Gefühl, dass ich keine Lust mehr habe", sagt der deutsche Leichtathletik-Teamarzt Helmut Schreiber. DLV-Cheftrainer Bernd Schubert fordert ein "resoluteres Vorgehen gegen Leistungsbetrug".)
Kurz darauf ist mit dem weißrussischen Hochspringer Lesnitschij  ein weiterer Dopingfall bekannt geworden.
Wie wäre es, wenn Sportler, die sich über ein ganzes Wettkampfjahr nicht ein einziges Mal außerhalb des eigenen Landes auf Wettbewerben präsentieren oder wenigstens regelmäßig unabhängig kontrolliert werden, grundsätzlich von den Spielen ausgeschlossen würden? Dann gäbe es vergleichbares Theater wie beim (ehem.) russischen Olympiasieger (1999 und 2001 bereits des Dopings überführt) im Kugelstoßen (Bild rechts) nicht.
Zum Glück habe ich nun endlich eine Begründung gefunden, warum ich ständig diese weiten, aufwendigen und aufreibenden "Heim-"Reisen nach Berlin antreten muss. Eine gefährliche Einstiegsdroge.
Wer will mir eigentlich (außer Sebastian, der sich ja bereits bei der Internetrecherche lobenswert engagierte) bei meiner Seminararbeit zur Historischen Demographie behilflich sein? Nun habe ich zwar endlich nach wochenlanger Recherche, Suche, Kleinarbeit meine entsetzliche Studie zu den Oettinger Handwerkerlisten fertig, aber dann ist mir eingefallen, dass ich die eigentliche Arbeit noch schreiben muss.
Sonntag, 22. August 2004
Gerade ungewohnter rhetorischer Lichtblick Poschis zu den umjubelten Siegern des 100m-Finales der Männer im Athener Olympiastadion:
"Das sind Männer aus dem Holz, das die Griechen so lieben.
Hoffentlich nicht auch mit den Zutaten, die die Griechen so lieben."
(Spiegel Online: "Doping ist Nationalsport der Griechen")
 feiert die "Buschreiter"
Die deutschen Vielseitigkeitsreiter haben nach dem Verlust der Goldmedaille und des Einzel-Olympiasieges für Bettina Hoy moralische Unterstützung aus der Politik erhalten. Bundesinnenminister Otto Schily gratulierte in Athen Teamsprecher Hinrich Romeike demonstrativ zum Olympiasieg. "Dass der Sieg durch eine zweifelhafte Berufungsentscheidung entschieden wird, ist sehr traurig", sagte Schily. Zudem bedauere er "die fehlende Fairness befreundeter Nationen". Romeike hatte in einem Appell an IOC-Präsident Jacques Rogge die doppelte Vergabe von Goldmedaillen aus Fairnessgründen gefordert. (ZDFsport)
Samstag, 21. August 2004
 sollen sie euch stecken bleiben, eure blechernen Gold-, Silber- und Bronzemedaillen. Markus Rogan, der österreichische Schwimmstar hat gestern gezeigt, was sportliche Fairness bedeutet. (Das nur mal vorweg, damit jetzt nicht wieder ein Verdrehter zu nölen beginnt, es hätten sich ja alle anderen in dieser Situation sicherlich genauso verhalten.) Frankreich, England und die USA haben sinnbildlich ihrem Verständnis von olympischem Geist ein Denkmal gesetzt und voller Eindrücklichkeit in einem wohl sporthistorisch einmaligen Vorgang gezeigt, was das genaue Gegenteil davon bedeutet. Da ließ der HERR Schwefel und Feuer regnen vom Himmel herab [...] und vernichtete die Städte und die ganze Gegend und alle Einwohner der Städte und was auf dem Lande gewachsen war. (1. Mose 19, 24-25) 
Besonders leid tut es mir für die deutsche Meisterin Bettina Hoy, eine Ausnahmeathletin, die mit ihrem Pferd Außergewöhnliches geleistet hat, und sogar mich, seit Jahren ein großer Kenner und seit jeher ein bekennender Freund des Pferdesports, verzückte.
"Das CAS-Urteil wurde dagegen von den Franzosen mit Wohlwollen aufgenommen. 'Die Gerechtigkeit hat gesiegt', sagte der französische Reiter Nicolas Touzaint, 'diese Medaille ist eine brillante, unglücklicherweise gab es keine Marseillaise bei der Siegerehrung, kein Podium und auch keine Ehrenrunde.'" (Spiegel Online)
In seinem Schlussritt der Einzelwertung erzielte der bis dahin vor Hoy in Führung liegende Franzose Touzaint 19 Fehlerpunkte und war so aus den Medaillen auf Rang 9 gerutscht.
Weil ich mich so ärgere, habe ich mich entschieden, jetzt (21.8. 19 Uhr) noch einmal einen sozusagen korrekten und verdienten Medaillenspiegel zu veröffentlichen:
1. USA 18 12 12
2. China 18 12 10
3. Japan 12 5 4
4. Deutschland 9 6 10
5. Australien 9 6 9
6. Frankreich 6 6 7
7. Großbritannien 5 6 5
Jetzt geht es mir besser.
Mittwoch, 18. August 2004
 Zurück in Augsburg und die Sonne scheint durch die Lamellen der Rolläden, meine Wohnung ist nun auch gesaugt und blitzt, der Kühlschrank und der Briefkasten sind in den Müll entsorgt, die Bücher auf dem Schreibtisch, die Berge von Kopien daneben lächeln mich schief an, winken freundlich, säuseln mir kleine Komplimente ins Ohr, wollen mich zur konzentrierten und nachhaltigen Arbeit überreden, und auch Wolf-Dieter "Poschi" Poschmann säuselt mir seine unübertroffen treffenden Weisheiten ins Ohr. Durchschnitt umgibt mich allenthalben, habe ich den Eindruck, aber wenigstens muss ich jetzt nicht mehr, wie ursprünglich während der Leichtathletik-Weltmeisterschaft geplant, Kugelstoßerin werden. Dennoch diskutierte ich gestern schon im ICE mit drei weiblichen Mitreisenden etwa sechs Stunden lang über die bislang überaus durchschnittlichen Leistungen deutscher Sportler bei den Olympischen Spielen, die sich in ihrer ganzen Mittelmäßigkeit der Durchschnittlichkeit und Bedeutungslosigkeit, dem uninspirierten Esprit und schwächelnden Lebenskraft, der ewigen Larmoyanz des gesamten Landes anzupassen scheinen.
Reinhard Mohr schreibt darüber im Spiegel und ich warte auf das Gold des Jan Ullrich, vielleicht gehe ich aber auch ins E-Center einen Berg von Milchprodukten kaufen.
Donnerstag, 12. August 2004
Nach langer schwerer Krankheit...
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Montag, 9. August 2004
Er hat meinen Berlineintrag nicht gespeichert. Nochmal schreibe ich das nicht. Sonnenaufgänge über der Stadt, die auf die Hitze des Tages wartet. Nichts riecht so gut wie der Grunewald, auf den Kopfstützen des Cabrios sitzend, oder vielleicht doch die Luft der U-Bahnschächte, über der Straße flimmernd. Erste Party seit einem halben Jahr am Freitag. Zu viel. Zu gut.
Dienstag, 3. August 2004
Vielleicht erlebt dieses Land ja doch noch den vor Jahren vom ehemaligen Bundespräsidenten angeforderten Ruck, mit so einer Sozialpolitik lässt sich jedenfalls kein Staat machen. Mächtige, Regierende, ihr seid nur noch skrupellos, schamlos und eine Schande für die weitsichtige Politik der sozialen Marktwirtschaft, welche so lange prägend war für das Miteinander in dieser Gesellschaft. Fehlt Euch inzwischen jede Achtung, jeder noch so kleine Respekt vor der Würde Eurer Bürger? Warum versklavt ihr die Familien Arbeitsloser oder Sozialhilfeempfänger nicht gleich und lasst sie etwa sechzehn Stunden täglich unter Tage in eurer geliebten Kohleförderung schuften? War England nicht lange genug gutes Vorbild? Aux armes, citoyens!
Drei Tage freie Räume, wie von Jannis geschildert, sollte ja auch immer einen irgendwie entsprechend gearteten freien Geistesraum implizieren. Eine begeisterte, stark geschminkte und unendlich stolze Mutter mit dunklem, streng zurückgelegtem Haar filmt für eine Ewigkeit, für eine wahre Ewigkeit, denn sie läuft wirklich immer wieder durch den kühlen Raum im Keller der ehemaligen Brauerei von einem Ende zum anderen und filmt und filmt mit ihrer Digitalkamera, die sogenannten Kunstwerke ihres Sohnes, dem bei Weitem jüngsten Künstler, der an diesen Tagen ausstellte. Mit Mühe erkenne ich eine doch beachtliche Entwicklung in seinen Werken der letzten Jahre, in denen er sich offensichtlich vom Writer und Sprayer zum deutlich tiefsinnigeren und ernsthafteren Poeten und Maler gewandelt zu haben scheint. Nun mit einiger zeitlichen Distanz (ungefähr einige Tage) weiß ich auch endlich, an wen mich der Technische Leiter ("- Pause - Ich, ich bin hier nämlich der Technische Leiter") erinnert. Ich denke an die Tage in Göttingen (vor ungefähr einigen Jahren), als ich mit meinem ehemaligen Kollegen Wolfram bei Let It Rock II akkreditiert war und mich im durchaus interessanten Umfeld der damals noch sehr populären deutschen Popliteratur und ihrer damals noch ebenso populären Protagonisten aalte, um mich selber ein Jota bedeutender zu fühlen. Nach der Theateraufführung von Bessings Tristesse Royale am ersten Abend trafen wir während der sogenannten After Show Party auf einen Kulturjournalisten der Süddeutschen Zeitung. Er bezichtigte uns, im Laufe des Stücks mehrfach und für das gesamte Publikum deutlich vernehmbar degoutant aufgelacht zu haben. Auf unseren Hinweis in sein schweißnasses Gesicht, dass vielmehr er, den wir sorgfältig beobachtet hatten, es gewesen sein könnte, der während der Aufführung wiederholt durch sein deplatziertes und geschmackloses Auflachen in den unpassendsten Augenblicken aufgefallen sei, wendete er sich Wut entbrannt von uns ab und gab schnaufend zu Protokoll, diese fürchterliche und im höchsten Maße ärgerliche und niveaulose Veranstaltung zu verlassen und alsbald in die süddeutsche Wahlheimat abzureisen. Wenige Minuten später stürmten er und seine Bedeutsamkeitswolke am ahnungslosen Alexander Graf Schönburg, am Eingang stehend und über den Niedergang der Zigarrettenkultur und der Qualität der Glimmstengel referierend, vorbei aus dem Theater. Der aufgebrachte Feuilletonist ward zu unserer aller Überraschung nie wieder gesehen, weil er seine kaum Erst genommene angedrohte Ankündigung tatsächlich in die Tat umgesetzt hatte. Und genau so ein Kunstfeind und Kulturverhinderer war auch der Technische Leiter, war auch der für die Akkreditierungen zuständige und herrlich um eine desinteressierte Haltung bemühte dicklippige Kulturreferent, sicher hätte er sich selbst so bezeichnet, wenn er sich nicht gar für den Künstlerischen Leiter o.ä. hielt, am Eingang der Augsburger Drei Tage-Ausstellung. Anmerkung: In so einem geistesfeindlichen Umfeld kann Kunst nicht existieren, ist sie noch so wirkmächtig und aussagekräftig, in solch einer Atmosphäre vergeht sie wie die zarte Knospe einer Frühlingsblume im kargen aufgehitzten Sand der Sahara. Genau das werden die sogenannten und permanent um die Aura der Überarbeitung bemühten Kulturschaffenden jedoch nie begreifen, wie könnte es ihnen auch in den Sinn kommen, dass gerade ihre so hochgeschätzte Existenz, ihre selbstgefällige und arrogante Attitüde, ihre großspurige und kritiklose Überbewertung der eigenen Leistung und Bedeutung es sind, die im höchsten Maße kunstzerstörend und geisteshemmend wirken müssen. Und das alles wird immer schlimmer - anders war es kaum zu erwarten, denken nun einige, denn je weniger Raum der Kunst in der ökonomisierten und ignoranten Gesellschaft gewährt wird, desto mehr kämpfen die sogenannten Kulturschaffenden ihren sogenannten Kulturkampf, während diesem sie aufgrund ihrer beschränkten charakterlichen Eignungen unweigerlich zu immer größeren Geistesfeinden und Kunstverhinderern mutieren. Ach, ich gerate in Rage und vielleicht tue ich bei meinem launigen und pauschalisierenden Rundumschlag einigen oder vielen Unrecht - verzeiht. Erhebe ich den Anspruch, mich besser, moralischer, angemessener zu verhalten, wenn ich mit schmerzendem Rücken stundenlang mehr oder weniger gebückt durch unzählige bunte, heiße, kalte, stickige und kunstschwangere Räume wanke, nur um am Ende trotz der beachtlichen Leistung der bemerkenswerten und sicherlich maßlos unterschätzten Künstler entsetzt und ratlos festzustellen, dass ich nichts, aber auch gar nichts mehr empfinden kann angesichts dieses gewaltigen Überangebots an Kunsteindrücken? Ich weiß es in dieser Montagnacht unter dem Einfluss der Antibiotika und mit völlig verzerrtem Tag-Nacht-Rhythmus eigentlich auch nicht genau und muss mich am Hinterkopf kratzend und an Gewissheiten verarmt die Antwort schuldig bleiben.
track des anbrechenden tages: sido - Steig ein!
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