
Gestern im Fachmarkt.
Stück für zwei Personen und eine variable Anzahl von vorzugsweise erwerbslosen Statisten. Ein abgeschlossenes Hochschulstudium oder eine Berufsausbildung werden nicht vorausgesetzt.
Szenischer Aufbau: Es ist gestern. Wir befinden uns im sogenannten Mediamarkt, dem sogenannten Elektronikfachmarkt Nummer eins, außerdem ist es Dienstag und es ist Mittagszeit. In Deutschland, inmitten Europas, ist der sogenannte Reformwinter angebrochen, das heißt, der sogenannte Reformwinter wurde dem verantwortungslosen, chronisch unwissenden und daher stets zu bevormundenden deutschen Volke von dessen ehrgeiziger politischer Entscheidungsspitze - den sogenannten Volksvertretern - zu seiner baldigen Genesung verordnet, was in etwa bedeutet, dass ehemals mäßig auf Kosten der Allgemeinheit versorgte Erwerbslose und ihre Familien nun von der lustlosen Allgemeinheit und der unübertroffen ehrgeizigen und arbeitsamen politischen Entscheidungsspitze einen nur noch sehr geringen Betrag Geld zum Leben erhalten. Sicherheitshalber wird dabei nicht länger differenziert, ob diese inzwischen Erwerbslosen zuvor erwerbstätig waren und wieviel oder wie lange sie während dieser Erwerbstätigkeit in die sogenannte Sozialversicherung einbezahlt haben. Daher sind diese Erwerbslosen fortan glücklicherweise auch energisch angewiesen, die Unmengen ihnen zur Verfügung gestellter Arbeitsstellen nicht länger unbedacht und voreilig abzulehnen. Die Anzahl der als arbeitsscheu, unflexibel geltenden, der Schriftsprache nicht mächtigenden und daher allenortens bekannten und gesellschaftlich hochangesehenen Erwerbslosen beträgt in etwa zehn Millionen, durch einige geschickte Rechnungen und gewitzte Zahlendreher gelingt es der ehrgeizigen, arbeitsamen und visionären politischen Entscheidungsspitze jedoch, diese besorgniserregende Anzahl in etwa auf die Hälfte zu reduzieren. Grund zur Trübsal gibt es demnach keinen, schließlich wächst die Anzahl der Millionäre im Land der Dichter und Denker nahezu genauso stetig und konstant wie jene der sogenannten Massenentlassungen in börsennotierten Großunternehmen. Dabei sind die dem Gemeinwohl hörigen Vorstände solcher börsennotierter Großunternehmen gewohnheitsmäßig angehalten, sich selbst den Lohn aufzustocken, Rekordgewinne zu vermelden oder angestrengt in liebevoller Liaison mit der ehrgeizigen, arbeitsamen, visionären und überaus macht- und verantwortungsbewussten politischen Entscheidungsspitze über neuerliche Entlassungswellen nachzugrübeln. Die Szenerie ist also im Ganzen in etwa so wie immer in Deutschland, inmitten Europas. Aus den Lautsprechern, die an der Decke des Fachmarktes hängen inmitten billiger Aluminiumlampen, welche ein sehr grelles, flackerndes und entsetzlich ungemütliches Licht abgeben, zahlreichen Kabeln und einigen verdreckten Entlüftungsöffnungen, dringt vorzugsweise GEMA-freie Musik, im Hintergrund hört man außerdem den Ton verschiedener Privatfernsehsender und den dumpfen tieftönenden Bass aus einem Lautsprecher der weit entfernten Car-HiFi-Abteilung.
1. Szene: Potentieller Kunde auf. Potentieller Kunde erreicht nach kurzem Slalom durch verschlossene, in den Gängen gelagerte hüfthohe Pappkartons eine Auslage mit MP3-Abspielgeräten (eine ganz und gar unsägliche und belanglose Modeerscheinung des frühen 21. Jahrhunderts), welche mit einem dicken Draht gesichert sind. Potenzieller Kunde fackelt nicht lange und nimmt die unterschiedlichen Geräte in Augenschein. Nach einiger Zeit und gründlicher Prüfung macht sich angesichts großartiger Auswahl und großartig verwirrender Beschilderung der Geräte eine leichte Unsicherheit auf dem Gesicht von potentiellem Kunden breit. Potentieller Kunde wendet sich Hilfe suchend um, kann aber nur einige Schulkinder erspähen, welche es vorziehen, ihren anreizarmen Tag mit sinnfreiem Konsolenspiel zu verbringen, anstatt im sogenannten Zuhause weitere nutzlose Jahre auf ein wenig Aufmerksamkeit ihrer versoffenen und bei Gelegenheit auch gern ein wenig relativ rücksichtslos und unmotiviert um sich prügelnden Eltern zu warten oder sich in einer sogenannten Schule von sogenannten Lehrern zum wiederholten Male zur Aufmerksamkeit anhalten zu lassen, wobei es sich bei diesem Personenkreis überdies um überdurchschnittlich alte und überdurchschnittlich übelriechende Existenzen handelt, die nicht zuletzt in einer kaum verständlichen Sprache und in kaum zu übertreffender Penetranz immer wieder den durch das besinnliche nächtliche Dauerfernsehen verursachten und im Übrigen recht erholsamen Vormittagsschlummer zu unterbrechen wagen. Die Schulkinder tragen noch ihre Winterjacken, während auf dem Bildschirm ein menschlicher Schädel liebevoll und beinahe wie eine glühende Supernova zerplatzt, ihre Rucksäcke haben sie lasziv im Gang neben sich zu Boden fallen lassen.
2. Szene: Fachmarkt-Fachverkäufer auf. Potentieller Kunde erblickt sogenannten Fachmarkt-Fachverkäufer, der forschen Schrittes und nahezu unaufhaltsam auf die Auslage mit MP3-Abspielgeräten zumarschiert. Fachmarkt-Fachverkäufer trägt eine recht enge rote Weste aus einem plastikartigen Stoff und dazu einen grauen ungepflegten Oberlippenbart. In den Außentaschen der Weste stecken zahlreiche unterschiedliche Kugelschreiber mit Werbeaufschriften, während unter den durchaus veritablen Fingernägeln Fachmarkt-Fachverkäufers in erster Linie schwarzer Schmutz steckt. Fachmarkt-Fachverkäufer hat die Auslage mit MP3-Abspielgeräten erreicht und steht nun mit geistesabwesendem Gesichtsausdruck vor potentiellem Kunden. Fachmarkt-Fachverkäufer hat heute wahrlich nicht seine intelligenteste Mine aufgelegt, was ihm potentieller Kunde aber nicht anlasten möchte, schließlich nähert man sich unaufhaltsam dem Weihnachtsfest (eine ganz und gar unsägliche und belanglose Modeerscheinung des ersten und zweiten, vielleicht sogar noch dritten Jahrtausends)- Zwischen potentiellem Kunden und Fachmarkt-Fachverkäufer entwickelt sich ein kurzer, impulsiver Dialog voller überraschender Wendungen und unbeschreiblicher Zufälle:
Potentieller Kunde: Entschuldigen Sie bitte.
Fachmarkt-Fachverkäufer (schaut - so gut er das nach dreijähriger alltäglicher Praxis beherrscht - an potentiellem Kunden vorbei in die Weiten des Fachmarktes): Was?
Potentieller Kunde (mit einer weit ausholenden Geste): Sind Sie zufällig für diese MP3-Abspielgeräte zuständig?
Fachmarkt-Fachverkäufer (schaut weiterhin angestrengt an potentiellem Kunden vorbei in die Weiten des Fachmarktes): Ja.
Potentieller Kunde (erleichtert): Könnten Sie mir vielleicht einige kleine Fragen beantworten? Ich interessiere mich für...
Fachmarkt-Fachverkäufer (unterbricht potentiellen Kunden, schaut nun sehr nachdrücklich an potentiellem Kunden vorbei in die Weiten des Fachmarktes): Nein.
Potentieller Kunde (erstaunt): Es geht auch ganz schnell. Ich möchte nur...
Fachmarkt-Fachverkäufer (unterbricht potentiellen Kunden, wendet sich um - wie ein Raubtier auf dem Sprung, harsch): Nein. Ich habe gerade Kundschaft.
Fachmarkt-Fachverkäufer rasch ab.
Potentieller Kunde bleibt alleine zurück. Die Bühne ist leer. Um potentiellen Kunden herum weit verteilt nur noch einige hüfthohe Pappkartons und ein paar Rucksäcke. Würden sich dafür gute Argumente finden lassen, gäbe sich potentieller Kunde nun seiner unumschränkten Verzweiflung hin. Aus den Lautsprechern, die sich unmerklich nach unten bewegt haben und nun auf Bodenhöhe angelangt sind, dringt nun nicht länger GEMA-freie Musik, statt dessen vernimmt man die laute und im höchsten Maße aufdringliche Werbemelodie des sogenannten Mediamarktes, des sogenannten Elektronikfachmarktes Nummer eins, die entfernt an ein ehedem beliebtes und weit verbreitetes Freiheitslied aus irgendeiner längst vergessenen Revolution erinnern könnte, im Hintergrund hört man außerdem das gellende sehr norddeutsche Lachen eines albernen, juvenilen, deutschen Nachwuchsmoderators und den dumpfen tieftönenden Bass aus einem Lautsprecher der weit entfernten Car-HiFi-Abteilung.
Kommentare