
Nun bin ich also zurückgekehrt in die Stadt der Renaissance, die auch die Stadt ist, in der ich mich zu leben entschieden habe, wie ich irgendwann - man muss sagen: endlich - zwischen den Jahren (wie man sagen muss) realisierte. Draußen herrscht in etwa so etwas wie Frühling, die unzähligen Glöcklein der unzähligen Türmlein dieses Städtchens schlagen eifrig um die Wette, als wollten sie bis in die Höhen des weit offenen Himmel hinaufschallen, all die Vöglein zwitschern munter, das Mühlrad geht übermütig im glitzernden Nass, lange LKWs passieren träge und leise brummend die neu gebaute und erst vor wenigen Wochen eröffnete Schleifenstraße, und die Sonne brennt durch die großflächige Verglasung vor meinem Balkon und ich muss meine Augen zusammen kneifen, um etwas auf meinem Bildschirm zu erkennen. Für alle, die es noch nicht wussten: Ich arbeite weiter an einem streng geheimen Projekt, das sich aber allmählich auf wundersame Weise zu konkretisieren scheint. Die Mannschaft ist gut, die Moral stimmt. Nebenbei versuche ich nicht ohne einiges Verkrampfen und nicht ohne in größere zeitliche und moralische Konflikte zu geraten, mein Referat über den Sangspruch Konrads von Würzburg zu stemmen. Wenn irgendjemand der Meinung sein sollte, mir angesichts der eher bescheidenen Forschungslage und gänzlich unbefriedigenden Sekundärliteratursituation den einen oder anderen richtig tollen Typ geben zu wollen, so halte er nicht länger damit hinter dem Berg, sondern rette er meine ganz und gar jämmerliche, noch immer auf Gedeih und Verderb mit meinem so hochgeschätzten Hochschulstudium verbundene Existenz. Es bleiben für dieses interdisziplinäre Großprojekt circa zwei Wochen Zeit. Da fällt mir ein, dass ich das Fenster im KHG-Büro des Rektoratsgebäudes der Bert-Brecht-Universität wohl auf Kipp (wie man sagt) gelassen habe - aber zum Glück ist ja Frühling. So, nun will ich mich aber mal rasch an die Herger/Spervogel-Rezeption setzen, schließlich wartet in meinem nachher stattfindenden Hauptseminar niemand - wie man sagen könnte - auf mich. Wenn das erledigt ist, darf ich heute Abend zu einer Messe gehen und Andreas Bönte kennenlernen - und es war alles, alles gut.
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