
Sicherheitshalber bat ich gar nicht erst um den Milchkaffee, den mir die nette ältere Dame, die seit vielen Jahren im Ali Baba in der Charlottenburger Bleibtreustraße als Bedienung beschäftigt ist und wahrscheinlich in irgendeiner Weise zur Familie gehört, nach siebzehn Uhr nicht mehr verkauft, weil sie mich vor übermäßigem Koffeingenuss schützen möchte.
Irgendwann fragte sie mich vor siebzehn Uhr auch einmal nach meinem Alter und als ich ihr Auskunft gab, fühlte sie sich wohl in ihrem Bemühen um mein körperliches Wohlergehen bestätigt. Heute Abend, es war schon etwas später, fand ich also zu meinem allergrößten Vergnügen die lebende Legende Ilja Richter in besagtem Lokal vor - er lehnte lässig neben der Kasse an der Bar und unterhielt sich mit einer deutlich jüngeren Frau, die an einem Bierkrug nippte und belanglose Geschichtchen von sich gab. Ilja Richter, wahrscheinlich war der Spot gerade aus, den ich natürlich nie von selbst erkannt hätte, hätte mich S. nicht darauf hingewiesen, mit wem ich da soeben die Ehre hätte, tat mir in diesem Augenblick unglaublich leid. Nicht nur, dass kein Barhocker für ihn übrig war - der letzte freie Hocker stand vor dem Ofen bei den Pizzabäckern - und er in seinem gut sitzenden und elegant geschnittenen Mantel stehen musste und dass er sich permanent die Belästigungen seiner Begleitung antun musste, nein, er sah auch fürchterlich alt aus, fand ich. Nun ist Ilja Richter auch seit über dreißig Jahren auf der Bühne und seit über fünfzig Jahren auf der Welt, aber ich hatte ihn doch viel jünger in Erinnerung aus all den TV-Sendungen, die ich eigentlich nie gesehen haben konnte und im Theater hatte ich ihn sicher auch nie gesehen. Ilja Richter ist einer dieser Menschen, die nur jung sein können in meiner Erinnerung, jung beblieben vielleicht, aber die einfach nicht alt sein dürfen, dann ist das kein Ilja Richter mehr, in diesen tausenden Filmen vom Anfang der 1970er Jahre, das ist mein Ilja Richter. Wenngleich ich sogleich ein zwiegespaltenes Verhältnis zu seiner Begleitung des heutigen Abends haben musste, so möchte ich doch erwähnen, wie sehr es mich überraschte, ein Idol wie Ilja Richter im Ali Baba anzutreffen. Jürgen Röber, der erfolglose und gnadenlos überschätzte Marko Rehmer sowie Claus Peymann schaffen es nur bis zum Edelitaliener schräg gegenüber, während die S-Klassen zumindest der ersten beiden während des gemeinsamen Essens munter blinkend in zweiter Spur warten. Katja Riemann stapft häufiger vor dem Ali Baba vorbei, zumeist mit Tochter und mit einigen Boutiquetüten und sie ist immer noch sehr schön, aber würde nie einen Fuß ins Ali Baba setzen. Sie ist übrigens das Gegenteil von Ilja Richter, Katja Riemann kann ich mir nur als gereifte und reifere Frau vorstellen, die im Alter stets noch weiter an Attraktivität gewinnen wird. Eine wirklich junge Katja Riemann gibt es in meinen Augen gar nicht. Dafür hat Ilja Richter aber den meisten seiner emporgekommenen Schauspieler-KollegInnen, die sich im Pseudo-Glamour der schönen hippen neuen Hauptstadt mit ihren Massen an Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern und ihren weit mehr ungelösten gesellschaftlichen Problemen als Schulbüchern sonnen, etwas Entscheidendes voraus: Ilja Richter ist von hier.
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