
Einige Tage der Sammlung liegen hinter mir. Vorgestern besuchte ich nahe dem Gendarmenmarkt die Studios des großen deutschen Privatsenders SAT.1. Aus Kostengründen und enormer Weitsicht verzichtete man dort früh auf repräsentativen Schnickschnack und eine noch repräsentativere Adresse im Herzen des alten Berliner Stadtzentrums. Ein idealer Ort zudem für ein Studio.
Um es mit dem großartigen, nahezu unbekannten Autor Christof Stählin zu sagen, dachte ich mir, während ich auf den unbequemen und schlecht gepolsterten Studiobänken bei arktischen Temperaturen auf den Beginn der sog. Die Quiz-Show, eines dieser unsäglichen Frage-Antwort-Spielchen mit gut geschulten Kandidaten, denen es aber dennoch nie gelingen mag, über die Lückenhaftigkeit ihres rudimentären Kanons humanistischen Halbwissens hinwegzutäuschen, wartete: "Schau, schau! Diese derben Genüsse der niedern Klassen haben doch durchaus auch ihre reizvollen Seiten!" Zuerst glaubte ich, mein schönstes gemeinsam verlebtes Ferienerlebnis - geteilte Freude ist halbe Freude - mit der extra angereisten Familie Puck ("von Sylt" und "seit siebenzwanzich Jahre verheiratet") wäre der durchschnittliche Animateur, ein ehemaliger Moderator eines Berliner Privatradios, der krampfhaft lustig sein wollte und musste, um das vorwiegend leicht zu beeindruckende und begeisternde Publikum in Ekstase zu versetzen. Dann aber stürmte - unter stürmischem Beifall der Meute - "ihr Moderator" Matthias Opdenhövel die Bühne, das ehemalige ran-Studio übrigens, und schon im nächsten Augenblick auf mich zu, um mir die Hand auf die Augen zu legen, das Mikrofon unters Kinn zu klemmen, sonderbar seuselnd seltsam sinnentleerte Fragen an mich zu richten und sich des Inhalts der Brusttasche meines Hemdes zu bemächtigen. Matthias, Matthias, du schienst - wie du da mit allen deinen Gesichtsmuskeln vor dich hinzuckend und mit glasigem Blick vor mir standest - ein wenig überrascht, dass es da einer vermochte, proaktiv (TV- und Werberjargon) auf dich einzugehen, dass der gar nicht grinste oder angesichts der ihn umgebenden Menschenmassen im Studio zu stottern oder sich lächerlich zu machen begann und dich nach einem wechselseitigen Dialog noch verwirrter auf die Bretter deines Lebens, das ehemalige ran-Studio wie erwähnt, entließ. Ein Kommilitone berichtete mir erst kürzlich während eines Hauptseminars der Älteren Deutschen Literaturwissenschaft von den entsetzlichen Geschehnissen hinter den Kulissen einer bekannten allmittäglichen Redesendung auf eben demselben großen deutschen Privatsender. Die leicht füllige Moderatorin dieser Sendung, die ohne weiteres für sich beanspruchen kann, die gesamte ehemalige Masse an Redesendungen im deutschen Fernsehen an Niveaulosigkeit und Abgrundtiefe, an Subversivität und Primitivität konsequent und fortwährend immer wieder noch unterboten zu haben (an dieser Stelle bewusst doppeldeutig formuliert, weil es sowohl für Sendung als auch Moderatorin gilt), habe sich vor jeder Sendung in ihre Ankleide zurückgezogen, aus der dann sonderbar nach Holz und frischem Rasen duftende Rauchwolken gezogen seien, während die Moderatorin anschließend wie verwandelt der Kabine entschwebt sei, um derart beschwingt und erbaut ihre Sendung zu moderieren. Matthias, Matthias, du duftetest nicht nach solchem Rauch, das machte dich mir sogleich sympathisch, du hattest so etwas nicht nötig. Und deine Zähne waren so schön weiß, frisch geputzt bestimmt. Ich hingegen leide aktuell unter schrecklichem Heuschnupfen, der mich gerade in diesem Augenblick nötigt ein feines, weißes Tuch zur Hand zu nehmen, um meine Nase äußerst gründlich - denn Gründlichkeit spielt im deutschen Fernsehen ebenso wie Sachlichkeit, Humor und Intelligenz eine überaus große Rolle - zu reinigen.
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