
Heute Nacht fuhren wir während einer Lernpause an der Niederkirchnerstraße in Mitte am Friedenscamp vor der amerikanischen Botschaft vorbei. Diesmal sind wir nicht ausgestiegen - so wie bei den letzten beiden Malen - und wurden auch nicht nach Zigaretten gefragt - so wie bei den letzten beiden Malen.
Wir haben auch wieder nicht gehupt für den Frieden, wie es auf dem einen Plakat an der Fahrbahn empfohlen wird und auch nicht mit Handfarben Bettlaken verschönert, um diese dann mit Kreppband an den umliegenden Häusern zu befestigen. Wir haben uns nicht an die Hände gefasst und die Bundesgrenzschützer betrachtet und auch nicht auf einer ausgedienten Matratze gemeinsam mit unserem Hund und in die noch nicht gefärbten Laken eingerollt geschlummert. Wir haben uns nicht einmal mit den ehemaligen PDS-Bundestagsabgeordneten solidarisiert, die kämpferisch vor ihrem ebenso kämpferischen Stand mit kämpferischen Parolen und kämpferischer Laune ausharren - für den Frieden. Es ist ein wenig schade, dass diesmal auch die Heilsarmee nicht mit einigen Fahrzeugen und einem Kompressor für die Gulaschkanone vor Ort ist; das war bei den letzten Massenaufläufen vor derselben Botschaft im September 2001 anders, aber die Zeiten ändern sich eben.
Wir haben einfach nur laut Musik gehört, ich glaube sie war wenig alternativ und von John Mayer, der den Familiennamen meines Großvaters trägt, dessen Verwandte beinahe vollzählig nach Amerika ausgewandert sind. So dachte ich, dass dieser John an der Gitarre bestimmt mein Cousin zweiten Grades sein müsse und dass ich schrecklich stolz auf ihn sein könne und dass wenn ich einmal doch berühmt würde und mich alle Welt für einen Intellektuellen hielte, ich mich ziemlich fürchtete vor den vielen vielen, die ich dann bei allerhand gesellschaftlichen Anlässen oder im Fernsehen wiederträfe und dich mich beobachtet hätten, wie ich in einer Freitagnacht mit lauter unsympathischer und unspiritueller Musik aus dem grünen Wagen an ihrer Freiluftfriedens-WG vorbeigefahren war und so alle kämpferischen Gedanken und zwar von der ganzen Gruppe und so mit einem mal zerstört hatte.

Dabei ist das alles nur ein großes Missverständnis, so befürworte ich uneingeschränkt die komplette Streichung des bundesdeutschen Verteidigungshaushaltes. Freiwerdende Summen sind ohne Umwege in den Bildungsetat von Nordrhein-Westfalen umzuleiten. Das Bild stammt von einer Bielefelder Schülerdemo.
Das Berliner Friedenscamp im Internet (mit Bildergalerie):
www.friedenscamp.org
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