
Noch leicht von körperlichem Siechtum geschwächt kämpfte ich mich heute nach der Uni auch noch in meine Wohnung, die ich seit Wochen nur sporadisch aufsuche, um auf einen gutgemeinten Ratschlag zu hören. Ich könne ja ab und an auch mal die Post aus dem Briefkasten nehmen, sagte man mir, es könne ja etwas Wichtiges dabei sein - was ich natürlich sofort vehement verneinte, schließlich bekomme ich nichts außer Rechnungen oder Werbeschreiben.
Zum Glück schaute ich dann heute doch mal nach dem Rechten und fand zwei Briefe vom Hauptzollamt Berlin. So wünscht mein Bearbeiter Herr Rietzschel in seinem Schreiben vom 16.06.2003, dass ich ihn in einer Ermittlungssache gegen eine namentlich angeführte Person "unter der o.g. Telefonnummer innerhalb einer Woche (im Brief fett gedruckt) in der Zeit von 07.30 Uhr bis 09.30 Uhr" anrufe. Unten (ebenfalls fettgedruckt): "Für den Fall, dass Sie meiner Bitte nicht fristgemäß nachkommen sollten, werden Sie zur zeugenschaftlichen Vernehmung an Amtsstelle geladen." Wie schön. Und was für Anrufzeiten.
Es kommt aber noch besser, so kann man sich ja schon denken, schließlich ist heute bereits der 26.06.2003. Folglich lautet es im zweiten Brief, wieder von meinem Bearbeiter Herr Rietzschel, diesmal vom 23.06.2003 (also auf den Tag eine Woche nach dem ersten Brief), dass ich diesmal "unter der o.g. Telefonnummer bis zum 07.07.2003 (im Brief fett gedruckt) in der Zeit von 07.30 Uhr bis 09.30 Uhr" anrufen soll und zwar - aufgepasst! - "da Sie sich auf mein Schreiben vom 16.06.2003 noch nicht gemeldet haben. Aufgrund Ihres vollen Briefkastens gehe ich davon aus, dass Sie sich z.Zt. nicht in Berlin aufhalten." Darunter die aus dem ersten Schreiben hinlänglich bekannte Belehrung. Aber - glaubt man das? An sich erklärt dies natürlich eine ganze Menge, so zum Beispiel die unglaublichen Anrufzeiten.

Mein Bearbeiter muss schließlich ab halb zehn Briefkästen inspizieren gehen und abstruse Vermutungen über Aufenthaltsorte der Adressaten seiner zahlreichen versendeten, aber auf seltsame Weise ohne Resonanz gebliebenen Briefe anstellen. In was für einem Land leben wir eigentlich? Ich kann wahrscheinlich noch froh sein, dass Herr Rietzschel mir nicht auch gleich noch erklärt hat, wo ich mich gerade aufhalte.
Am Rande sei bemerkt, dass ich die in der Ermittlungssache genannte Person nicht kenne, geschweigen denn deren Namen oder Adresse jemals gehört habe.
Ich bitte um Aufklärung dieser abstrusen Vorkommnisse!
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