
Schon gegen halb drei - kaum aus meinen erziehungswissenschaftlichen Seminaren entlassen - traf ich Kai in Lichterfelde-West das erste Mal in seinem neuen, tiefschwarzen Automobil, welches in der dumpfen Julisonne, die eine schwere Mätte über die Stadt verbreitete, glänzte. Die geweißelten Altbaufassaden verbreiteten ein Gefühl von fernem Sommer und reflektierten spröde und belanglos diffuses Licht auf das alte, glatte Pflaster.
Es lag eine schlichte und sehr sonderbare Melancholie über dem gestrigen Tag. Etwas später holten wir in Westend einen verrosteten Grill. So richtig verstanden haben wir es beide nicht, weder Kai noch ich, dass er nun achtzehn und nicht mehr fünfzehn ist, und ich seit beinahe sechs Jahren keine siebzehn mehr bin. Die Stadt hat sich gestern rausgehalten aus unseren Verwirrungen und meinte es gut. Ich habe mich abends kurz ins Bett gelegt, um mit einem Gefühl künstlerischer Insuffizienz und schweren Selbstvorwürfen wieder zu erwachen. Auf der Geburtstagsfeier in Janniks Garten, liebevoll und gründlich sprengte der Sohn die elterlichen Pflanzen erst nach Sonnenuntergang und das Grillen war längst beendet und hatte verschmutzte Teller und Kippen in Ketschuplachen hinterlassen, musste ich, ohnehin zerrissen, ohnehin erledigt, ohnehin nur mit größter Mühe noch das Ich in seiner gestrigen Konstitution zu umgrenzen vermögend, Selin wiedertreffen. Sicher seit März 1997, der Uraufführung unseres Musicals, nicht gesehen, damals hatten wir acht Monate jeden Tag miteinander verbracht, geprobt, gearbeitet, sie war 13 und ich 17 - gestern ist sie 20, ich noch älter, irgendwie hat sie Abitur und geht bald studieren und schmiedet Pläne und ist immer noch so offen, reizend, liebenswürdig wie damals, nur viel netter und viel erwachsener eben. Große Kinder sind wir geworden, irgendwo sind ein paar Jahre auf der Strecke geblieben. Gut, dass diese Jahre so gar keinen Unterschied machen wollen in der Rückschau. Vielleicht bedeutet dies ein Gefühl von Ewigkeit. Vielleicht ist es aber auch, bedrohlicher, Vergänglichkeit und das erneute schwere, manchmal in seiner Bedrückung unverschämt leicht daherkommende Erkennen keinen Sinns in keiner Sinnfälligkeit. Unsere schlimmste Gewohnheit ist doch die Zeit und ihr ziemlich unaufhaltsamer und - inzwischen sind Punkte erreicht, an denen man es merkt - schneller Fortgang, der wenig Rücksicht auf mein sonst so leidliches Erinnerungsvermögen nimmt. So werde ich bald gehen, damit neue Erinnerungen sich mit alten Gefühlen mischen. Irgendwer sprach mal von Lebensabschnitten im Sieben-Jahres-Takt. Gestern waren es sieben Jahre Selin. Liebliche Konstanz dieser Welt.
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