
Es besteht ja noch unendlich viel Hoffnung. Schon vor einigen Wochen beschloss ich, um endlich mal den Aufschwung in unserem Land anzupacken und nicht nur immer selbiges zu kompromittieren - am Besten noch mit so etwas Subversiv-schwammigem wie Kunst - Hammerwerferin zu werden. Mein Vorsatz ist das Überstehen der Qualifikationsrunde bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft, vielleicht brächte ich den Hammer sogar am Schutzgitter vorbei ins Feld.
Dann aber erfuhr ich von einem Freund, dass dieser beabsichtige, an seiner alten Schule, einem Dahlemer Gymnasium, das Anbringen einer Plakette zur Erinnerung an die Opfer der zweiten deutschen Diktatur zu initiieren. Sofort erklärte ich mich zur Unterzeichnung des Aufrufs bereit. Ich empfahl die ergänzende Berufsbezeichnung Schriftsteller (das ermöglicht es mir, immer mahnend den Zeigefinger zu erheben und ggf. in die Wunde zu legen) und Hammerwerferin.
Bei der Hochzeit am Dienstag nun, die im Offizierskasino der Julius-Leber-Kaserne im Wedding begangen wurde, imponierten mir außerordentlich die Ölgemälde, die goldgerahmt im Foyer an den Wänden hingen und die Heeresreformer v. Scharnhorst und v. Clausewitz zeigten. Scharnhorst sah nicht sehr freundlich aus, wie er so in Öl auf mich herabstarrte, außerdem hatte er auf einer bronzenen Plakette die Bezeichnung "General von Scharnhort [...] - bedeutender Heeresreformer und preußischer General" erhalten. Dabei hätte er darüber eigentlich sehr froh sein können, denn Clausewitz, der seinen Mantel am Ausschnitt ein wenig mühevoll zusammenzerrte - scheinbar wehte zum Zeitpunkt seiner Zeichnung ein frischer Wind - war nur als "Heeresreformer und preußischer General" deklariert. So beschloss ich sogleich, dass auch ich fortan nicht nur den Titel Hammerwerferin und Schriftsteller, sondern mit größter Sicherheit ebenso bedeutender Heeresreformer mit mir tragen müsse.
Wenigstens muss ich nicht auch noch Formel 1-Weltmeister werden, wenigstens das wird wie gewohnt erledigt, und so freue ich mich über die schöne Stimmung, die soeben beim Lernen für meine Prüfung entstanden ist, als ich
den kleinen Beitrag in Jannis' Blog über Juist las und an so manches fernab von Universität, unbedeutenden Prüfungen und dem Erwachsensein denken musste. Ist es nicht wunderbar, dass es in Deutschland einen Bahnhof gibt, der Norddeich-Mole heißt? Am Liebsten würde ich jeden Tag in einen Intercity nur dorthin steigen, immer das Schild mit diesem Ziel vor Augen, vergessend, denkend, schreibend. Allein solch ein Gedanken könnte mich unendlich melancholisch stimmen an einem inzwischen doch unerwartet grauen Sonntag Nachmittag.
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