Liebe versammelte Festgemeinde, heute wanderte ich zuerst zu einer Neo-Renaissance-Neo-Gotik-Neo-Romanik-Kirche, die neben einem daneben befindlichen, pittoresken Mini-Eiffelturm, der ebenso wie das bleistiftförmige und alles übrige überragende Hochhaus der Crédit Lyonnais die Lyoneser vergessen machen (oder erinnern?) soll, dass sie nur die zweite Geige in der Grande Nation spielen, und die 1871 erbaut wurde, um die einrückenden Preußen gnädig zu stimmen. Am Kunstverstand der deutschen Soldaten muss gezweifelt werden, andernfalls hätte die tatsächlich bemerkenswerte Kirche sie eher zu allen möglichen und wohl folgenschweren Schandtaten anregen als davon abhalten müssen. So aber ist alles noch einmal gut gegangen - und Lyon steht noch immer, als wäre nie etwas gewesen, in seinen historischen Grundfesten gänzlich unberührt, wird von seinem klerikalen quietschbunten und von japanischen Touristen überfüllten Wahrzeichen überragt, und präsentiert sich lärmend und abgasschwanger mit seinen engen schmutzigen Gassen und monumentalen, reich verzierten Häusern und den unendlichen, weit verzweigten Gangsystemen dazwischen und darunter dem staunenden Gast und dessen schmerzenden Füßen.
Da ich trotz mehrmaligem demonstrativen Vorbeischreiten an der örtlichen Scientology-Zentrale (Wort wird vom T9 erkannt) keinerlei Aufnahme in die gemütliche Gemeinde an der altstädtischen Steiltreppe fand, bemühte ich mich um die Eingliederung in andere Kreise. Durch meine erfolgreiche, weil nicht gänzlich orientierungslose Wanderung durch die verwinkelten Hausgänge (traboules) habe ich mich auf den Pfaden der Résistancekämpfer und aufständischen, ebenso resistenten Seidenweber bewegt und somit die Aufnahme in höhere Kreise der lokalen Spitzfindigkeit und endzeitlichen Gleichgültigkeit erzielt. Geblendet von so viel Glück ließ ich mich als es draußen längst dunkel geworden war in einer indischen Teestube nieder - nieder meint auch nieder, denn man lag beinahe - wo ich einen Spitzendarjeeling vorgesetzt bekam. Man hätte Wasserpfeife rauchen können. Alles andere durfte man nicht rauchen, ich war entsetzt. Dafür zog man am Eingang die Schuhe aus, wie auf der Party, die ich genau vor einer Woche in Stuttgart besucht habe, bei der alle Beteiligten gute Laune hatten und Biologie oder Informatik studierten und noch viel mehr tranken, als sie es sonst zu tun pflegen, und die in einer Wohnung stattfand, die aussah, wie aus einer deutschen Vorabendserie, obwohl es sich nur um eine Wohngemeinschaft zweier offensichtlich befreundeter, und Biologie studierender Paarte handelte und in der sich überdies im Wohnzimmer ein Terrarium mit Skorpionen und ein weiteres mit Wüstenspringmäusen befand. Einige Informatiker gröhlten Schwerverständliches über den Stuttgarter VfB und ließen sich allzu leicht durch subversive Zwischenfragen abbringen. Manch einer trug Elchgeweihe, parlierte gekonnt über Diktaturen und die ihnen inhärente ganz eigene Tragik und setzte sich auch sonst in unangenehmer und geschmackloser Weise von der übrigen Festgemeinde - auf einer nach dem Eintreffen der Feiernden angefertigten Gästeliste, die an der Tür prangte, einzeln notiert - ab.
In Venissieux, einem Lyoneser Vorort befand sich ein Sammellager der Vichy-Regierung, heute ist es eines der französischen Vorstadtghettos, die wir aus larmoyant-trübseligen Filmdramen der frühen neunziger Jahre kennen, weshalb ich es nicht besuchen wollte, obwohl es mich brennend interessiert hätte, Kebap kann man schließlich auch überall sonst in der Stadt essen. Meine Großmutter hieß ebenfalls Charlotte.
Kommentare