Konsequent hält man mich für einen Engländer. Damen reiferen Alters sprechen mich auf der Straße, in Schnellrestaurants oder in Straßenbahnen mild lächelnd an und erkundigen sich nach meiner Nationalität. Leider wird allzu oft - scheinbar bestehen seitens der Franzosen signifikante Verständnisschwierigkeiten - geradezu vorausgesetzt, bei mir könne es sich um nichts als einen Engländer halten. Das "Excuse me, Sir" des Obers in einem fantastischen Fleischrestaurant in der Lyoner Innenstadt, in dem man bei einem recht opulenten Vier-Gänge-Menü dinierte, hätte mich beinahe zur Weißglut bringen können, aber zum Glück stieß jener wohlbeleibte Kellner imselben Augenblick die Stuhllehne eines homosexuellen Franzosen mit einigen unfeinen Worten zurück, da dieser auf seinem Sitz gekippelt hatte. Ich als stolzester Neubürger der offensichtlich kulturlosesten Nation Europas ließ mich von solchen Nebensächlichkeiten natürlich von nichts abbringen und spies derart von allen Tischsitten befreit weiter.
Warum zum Teufel kann sich kein Franzose irgendetwas merken? Da gab es mal ein Buch vom deutschen Gedächtnisweltmeister, der mit der Gedächtnisvizeweltmeisterin verheiratet ist - beide treten zuweilen in unterdotierten Fernsehsendungen auf - das ich allen hier wärmstens empfehlen möchte. Mit einfachsten Eselsbrücken konnte man sich komplexe Zusammenhänge ins Hirn meißeln, man wählt zum Beispiel für die Bestellung einer Flasche Wein oder Wasser das Symbol für Wasser und Wein, einen Krug, dann behält man das Symbol im Kopf und wenn man einige Male an der Bar vorbeigeschritten ist, fällt es einem plötzlich wieder ein, man hat den Krug vor dem inneren Auge - man erinnert sich. Ähnlich könnte es mit einem imaginierten Symbol für Rechnungen (beispielsweise eine Rechnung), für schmutzige Toiletten (beispielsweise ein brauner Haufen einer undefinierbaren, dickflüssigen, übelriechenden Mélange) oder für Rückgeld (beispielsweise ein zerknitterter, rot schimmernder Zehn-Euro-Schein) funktionieren.
Rot schimmernd war vorgestern Nacht auch der vom Kernschatten der Erde verdunkelte Mond, sofort fühlte ich mich daher gestern inspiriert, eine Landpartie in die pittoreske Umgebung der Stadt zu unternehmen. Nun verstehe ich alles. Zentralismus ist ja so etwas Wunderbares. Kurz überlegte ich, ob ich Enrique Iglesias einen einladenden Brief schicken sollte, schließlich habe ich neulich in der Süddeutschen Zeitung lesen müsse, dieser habe sich durch die grenzenlose Tristesse Leipzigs und dessen Umgegend zu all den düsteren Kompositionen auf seinem neuen Album inspirieren lassen. Hier hätte er zu neuer kreativer Höchstform auflaufen können. Die Landschaft kann auch nichts mehr retten, gibt sie sich mit dem Herbst-Rot, -Gelb und -Braun auch noch solche Mühe, sie hat keine Chance gegen den Rost der Schilder und Werbetafeln, gegen all das Grau der Straßen, der zerfallenen Häuser, der abgewrackten Fabriken, die traurig in den vernebelten Himmel husten.
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