Das dachte ich schließlich auch, als ich mich des Nachts den Berg zu meiner Residenz hochquälte, da die letzte Seilbahn bereits seit Stunden davongefahren war. Ich bin hingegen fest davon überzeugt, dass französische Synchronisationen weit besser zu verstehen sind als französische Filme im Original, wenngleich in diesem Land ab und an eine junge sogenannte Volksschauspielerin von ihrem ebenfalls schauspielenden Ehemann erschossen wird - in Deutschland ist so etwas glücklicherweise undenkbar. Hier im Kulturland Frankreich sorgt es dafür, dass ihre zugegebenermaßen jetzt auch eher letzten Machwerke zu echten Kassenschlagern werden. Der "l'homme du train" aus dem heute bewunderten Film übrigens erklärt sich mir durchaus simpel, wie anders soll jemand auch ausschauen, der mit Vorliebe auf Bahnhöfen lebt.
Mitten in der Stadt traf ich heute Mittag noch jemanden, der einen ähnlichen Eindruck auf mich hinterließ.
C. betritt einen Zeitungskiosk nahe des Place Belcourt, von dem er weiß, dass es dort die Süddeutsche für 2 Euro zu kaufen gibt. Clochard mit großem Rucksack, Isomatte und Norwegerpullover, graues Haar, Oberlippenbart (ebenfalls grau) - nicht allzu ungepflegt - steht am Zeitungsregal und liest umständlich die Bild-Zeitung.
Clochard: Wu awe einen Euro?
C.: Sind Sie Deutscher?
Clochard: Ja bin ick.
C.: Und Berliner.
Clochard: Ja, aber...
C.: Ich auch.
Clochard: Das gibt es ja gar nicht.
C.: Unglaublich.
Clochard: Aber mein Euro...
Er hat ihn bekommen, ist natürlich Binnenschiffer, Selbstaussage "bin obdachlos jewordn", aber sein Kapitän hat ihn irgendwo in Frankreich vom Schiff verbannt, da er sich mit ihm überworfen hat. Jetzt will er nicht mehr zurück nach Deutschland, schließlich schickte dieses "furschtbare lannt" erstens keine Blauhelme in den Kongo, zweitens betreibe es ausschließlich Politik gegen die Armen, die Benachteiligten, die sozial Schwachen ("jrade de neuje jesetzjebung jetz") und öffnete drittens die EU gen Osten. Er phrophezeite mir, ab nächstem Jahr stünden bei uns die Osteuropäer vor der Tür ("da werta alle noch schön oojen machn"). Da ich in absehbarer Zeit in meine Heimat zurückkehre, werde ich mich überraschen lassen.
Nach einem Besuch im romantischen Goethe-Institut, das nicht umhin kann, in mir ein stetes Gefühl von Zuhause zu verursachen, es fand in den großzügigen Räumlichkeiten soeben eine Schulung für französische Lehrer statt und im nächsten Monat (bis zum 18.12.) wird es regelmäßig deutsche Heimatfilme türkischer Regisseure zu bestaunen geben, stand ich am Abend an der Statue Ludwigs XIV., vor dessen Antlitz die Bestuhlung und die Bühnen für die für morgen geplanten Festivitäten im Dunkel gähnten. Bereits bei meinem Besuch im Park Tete D'Or, der grünen Lunge der Stadt, die durchaus Züge des Central Parks trägt, vor allem da es sich bei ihr ebenfalls um den einzigen grünen Fleck in der Innenstadt handelt, bemerkte ich außer dem Rehgehege und der pittoresken Dampflok, die schnaufend den See umrundete, die zahlreichen Zuschauertribünen, die entlang der Straßen aufgebaut wurden. Frankreich hat am 11.11. Feiertag (also eigentlich ganz ähnlich wie Kölle am Rhein, eine Koinzidenz?) und zelebriert den Sieg über Deutschland von damals - wobei das inzwischen schon einige Jahre zurückliegt, 1918. Vielleicht sollte ich auf die Straße, bei einer der Paraden einige Marschflugkörper, Panzer oder die Veteranen bewundern. Während ich wartete, stürmte auf mich ein Mitbürger dunkler Hautfarbe zu, der mir - laut singend - sofort um den Hals fiel und mir einige gute Wünsche entgegengröhlte. Selbstverständlich hielt er mich für einen Engländer - ich ließ diesen Pirat der Karibik, als den er sich ausweisen konnte, in seinem Glauben und schenkte ihm eine Zigarette, die sich wie zufällig noch in meiner Manteltasche befand. Wiederum folgten eine Reihe guter Wünsche, ein Lied, das über den ganzen Platz schallte und - der Höhepunkt - er fiel mir erneut um den Hals und küsste mich diesmal zudem überschwenglich.
Ich brachte mich an einigen Parkscheinautomaten deutscher Produktion vorbeieilend in Sicherheit. Ich glaube, mit Parkscheinautomaten verhält es sich ähnlich wie mit Rolltreppen, so etwas kann nur in Deutschland erfunden werden. Das Goethe-Institut hatte im Übrigen eine sehr saubere Toilette mit tiefblauem Spülwasser, und es duftete nach Blumen.
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