
Offenbar besteht doch Grund zur Sorge. Lebewesen können ohne Sonnenlicht nicht leben. Mir wurden in der letzten Wochen aus unterschiedlichen Richtungen, wie man es nennt, Vorhaltungen bezüglich meiner Schlafgewohnheiten, genauer: bezüglich meiner Einteilung des Tages und meiner Einteilung der Nacht gemacht. Heute also, nicht länger als zwei oder zweieinhalb Stunden habe ich des Nachts, es muss betont werden, geschlafen, begebe ich mich noch vor halb sieben Uhr aus dem Bett.
Nicht einmal den bestellten Weckruf benötigte ich, ich war bereits drei Minuten zuvor hellwach. Die ganzen letzten Wochen, im Grunde das ganze letzte Jahr über, war das Wetter ausgezeichnet. Ich will nicht wie ein altes Waschweib über das Wetter schimpfen, aber wie oft sagte ich binnen der letzten Wochen leise zu mir selbst: „Es ist schon sehr bedauerlich, dass du noch im Dunkeln ins Bett gegangen bist und nun auch erst wieder bereits im Dunkeln daraus hervorgestiegen bist. Heute war, als die Sonne noch am klaren, bläulichen Himmel strahlte, ein ganz besonders schöner Tag.“ Heute aber ist gar kein ganz besonders schöner Tag. Eigentlich ist heute Mittwoch, und das ist überhaupt gar kein Tag. Warum ist es also ausgerechnet dieser (Relativpronomen) Mittwoch, den (Demonstrativpronomen) ich (Personalpronomen) seit drei Minuten vor halb sieben Uhr voller Intensität auskoste, anstatt ihn (Personalpronomen), wie all die anderen Tage, gemäß meines (Possessivpronomen) natürlichen Schlafrhythmus‘ im Bett zu verbringen, um Nachts, entsprechend wohlgelaunt und sehr entspannt, irgendeiner (Indefinitpronomen) Arbeit nachzugehen (erweiterter Infinitiv mit zu als Adverbialbestimmung)? Ein Tag, an dem ich gar nicht so recht weiß, ob das Trottoir vor meinem Haus und auf dem Weg zum U-Bahnhof einfach nur aus reiner mauvaise mine oder schierer Verzweiflung seifig-glatt ist, oder ob doch das ständige Nieseln, der unentwegte Graupel aus einem düstergrauen Himmel, fahl und milchigbleich und überhaupt nicht lebensbejahend, die Ursache für meinen unsicheren Stand sind. Ein Croissant, zwei Brezeln, nicht vor Ort wie in Bayern, sondern vor dem heimischen Fernseher mit Butter bestrichen, dazu ein Caffe Latte mit amerikanischem Butter Rum-Sirup, aber nicht allzuviel davon, anschließend ein Glas Apollinaris und dann eine gemütliche Fahrt mit der Buslinie 186. Beinahe hätte mich der Omnibus lieblich in den Schlaf geschaukelt. Heute musste ich in einer Rundmail, die mich über die Studentenprotestmailingliste der Technischen Universität Berlin erreichte, mit Schaudern zur Kenntnis nehmen, dass das Arbeitslosen- und das Sozialhilfeticket der S-Bahn Berlin und der BVG abgeschafft werden sollen. Als ich die Dame, die sich neben mich auf einen der Versehrtenplätze gesetzt hatte, bat, mich herauszulassen, hatte ich mir schon an der Stationsanzeigetafel, die im hinteren Bereich des Unterdecks entschieden zu niedrig montiert ist, den Kopf angeschlagen. Dieser wurde anschließend von der jungen Auszubildenden in meinem bevorzugten Coiffeurgeschäft so engagiert massiert, dass ich hoffte, mein schmerzender Kopf möge augenblicklich meine chronisch verspannte Nacken- oder gar Schulterpartie sein. Eben, denn es fallen beim Schneiden doch immer Haare am Kragen des Umhangs vorbei, habe ich nochmals duschen müssen, da ich bereits beim Erwerb zweier Flaschen König Ludwig Dunkel, das Original Münchner von Paulaner, eines der feinsten Lagerbiere Deutschlands, war restlos ausverkauft, wie es hieß, in der lokalen Filiale Getränke Hoffmanns vor lauter Haaren unter meinem Pullover kaum noch ruhig stehen konnte. Ich genieße das Teebaumschampun und seinen angenehm kühlenden, beruhigenden Effekt auf die Kopfhaut und meiner Ansicht nach auch auf das darunterliegende Gehirn immer sehr, und so klingelte es folgerichtig an der Pforte, die ich alsbald, nur mit einer schmutzigen Jeans bekleidet, mit meiner leicht trockenen Rechten (der einzige mir bekannte Nachteil des sonst fantastischen Schampuns) öffnete. Der Paketbote bat mich, eine größere Sendung, offensichtlich weihnachtlich motiviert, für Familie Salomon (Name geändert) entgegenzunehmen. Ich musste den Lieferanten darauf hinweisen, dass Familie Salomon per eddingbeschriftetem DIN A 4-Bogen auf ihrem Briefkasten den Postboten auffordert, keine für sie bestimmten Sendungen bei anderen Mietern zu hinterlegen. Der Bote fragte mich, ob Familie Salomon „eine Scheibe“ hätte und teilte mit, dass er nicht beabsichtige, morgen „vielleicht noch einmal die Scheiße“ zuzustellen. Sofort verstand ich den jungen Mann, und ich verstand auch nur allzugut, wie er in diesem stillen Moment ungeteilter Zweisamkeit fühlen musste - angesichts der schmachvollen Niederlage Hertha BSCs am gestrigen Abend beim bisherigen Tabellenletzten in Köln, denn auch der 1. Fußballklub Kaiserslautern verlor fünf der letzten fünf Auswärtsspiele, vier davon mit vier Gegentoren, und der 1. Fußballklub Kaiserslautern verlor noch dazu drei der letzten drei Spiele, und 1. Fußballklub Kaiserslautern reist schon heute Abend zur Borussia nach Dortmund, und das ganze Debakel ist in seinem Ausmaß alles in allem nur einen einzigen Punkt und zwei Tabellenplätze weniger furchterregend als bei den Leidesgenossen der Berliner Hertha, dachte ich. Zudem freute ich mich über die gelungenen Stabreime des Zustellers, schließlich setze ich mich seit Tagen wieder viel intensiver mit der deutschen Grammatik und ihrer Didaktik auseinander, und gratulierte dem Dichter zu seiner Entscheidung. Nachdem ich die Tür wieder fest verschlossen habe, beabsichtige ich nun, mich schlafen zu legen oder der Waschmaschine beim sogenannten Endschleudern (sic!) zuzuhören und zu warten, bis mich der oberlippenbärtige Mechaniker meines Lichterfelder Autohauses antelefoniert, da ich den Fachreferenten für Germanistik an der Universität Augsburg bereits den gesamten Vormittag über nicht unter der mir vom Studentensekretariat mitgeteilten Büronummer erreichen kann.
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